Die Krippe deines Nächsten





[102] An irgendeiner der vielen Fronten, wo Menschen Krieg führen in diesen Tagen, wird es der Fall sein: Auf beiden Seiten zünden, je in ihrem Unterschlupf, die Soldaten eine Kerze an vor ihrer Krippe, erinnern sich an Friedenstage, sprechen ein Gebet und denken an ihre Lieben daheim. Und dann geht es weiter mit dem gnadenlosen Kampf, vielleicht verwunden, ja töten sie einander.

In vielen Megastädten der sogenannten Dritten Welt wird es der Fall sein: In der Lehmhütte des Armen und in dem Bungalow des Reichen, ganz nahe beieinander, steht je eine Krippe, die Menschen sind bewegt von dem, woran Weihnachten erinnert – und doch kein Entkommen den Gegensätzen, der Fremde, der verborgenen oder offenen Gewalt.

Aber brauchen wir so weit weg zu gehen? Sind Fronten und Kluften nicht auch zwischen uns? Und auf beiden Seiten die Krippe desselben, der zur Weihnacht geboren wurde, für die „anderen“, für mich.

In der Tat, wenn ich nicht zur Krippe meines Nächsten komme, dann komme ich nicht zur Krippe. Sie bleibt ein Spielzeug, ein Kulturgegenstand, ein unwirklicher Kindertraum.

Als ich im Oktober 1992 einem jungen Indio im „Seminario Intermisional“ zu Bogotà die Diakonenweihe spenden durfte, führte man mich vor das Marienbild, das die Erfahrung und den Glauben der Seminargemeinschaft ausdrückte, wo Menschen der verschiedenen Hautfarben aus den Urwald- und Missionsgebieten des Landes zusammen lebten. Maria trug die Züge eines Indiomädchens, das Jesuskind auf ihren Armen die eines weiß-schwarzen Mischlings. Wir alle sind verwoben miteinander im einen Geheimnis der Menschwerdung; jene, die anders sind als ich, sind mir Mutter und Geschwister, sind mir der lebendige Christus. Der „andere“ Jesus gehört in meine Krippe, ich finde Jesus in der Krippe meines Nächsten.

Nur so verstehen wir die befremdliche und ungeheuerliche Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Hinter der Existenz dieses Menschen Jesus steht ein Entschluß, ein Entschluß, der aus jener Tiefe kommt, aus der die Welt und alles Leben stammen. Ein Entschluß dessen, den wir mit Jesus Gott und Vater nennen dürfen. Er will nicht nur der Gott über uns sein, der [103] Gott ganz am Anfang und dann einmal am Ende. Er will sein: Gott mit uns, Gott für uns, Gott dort, wo wir sind. Jesus lebt so in seinem einzelnen Menschenleben mein und aller Menschenleben mit, und eben darin, in seinem Leben und Sterben wie ich und für mich, wie du und für dich bin ich, bist du, sind alle erlöst. Wir gehören unlöslich zusammen in ihm, sind eins in ihm.

Jesus ist nicht ein Über-Mensch, nicht ein allgemeines Wesen Mensch, sondern um mit der ganzen Menschheit zu kommunizieren, von innen her auf der Ebene des Menschen, blieb ihm, zugespitzt gesagt, gar nichts anderes übrig als dieses: ein Mensch unter den Milliarden von Menschen zu sein, ein einzelner in der Reihe und im Geflecht der Geschichte. Er ist ein Nächster von mir geworden, Gott selber ist mein Nächster geworden, und ich kann ihn nicht finden, ihm nicht begegnen, nicht mit ihm reden, wenn ich nicht aufbreche zu meinen Nächsten, nicht Nächster meiner Nächsten werde. Nur die Krippe meines Nächsten ist seine Krippe. An dieser Krippe aber werde ich mir neu, wird Gott mir neu, wird mein Nächster mir neu.

Ich werde mir neu. Wenn ich Gott so wichtig bin, daß er für mich leben und sterben will, dann bin ich eben wichtig, dann bin ich unendlich geliebt, dann kann ich, von Gott angenommen, mich selber annehmen. Menschsein braucht nicht das Schneckenhaus des Selbstschutzes, sondern es kann und darf gewagt werden im offenen Zugehen auf alles, was kommt; denn ich bin ja nicht mehr allein, sondern er ist mit mir.

Gott ist mir neu. Nicht mein hilfloses Stammeln vor seiner Größe, nicht die Rätsel seiner Unbegreiflichkeiten sind das letzte und das erste Wort über ihn; sein erstes und letztes Wort ist vielmehr jenes Ja, das in der Geburt Jesu auf mich zukommt, jenes Ja, das er mit sich selber zu mir spricht, zu mir und zu jeder und jedem, die mir begegnen. Stätte seiner Begegnung ist die Krippe meines Nächsten.

So aber wird der Nächste mir neu. Ich kann ihm nicht mehr ausweichen, wenn ich zu meinem Gott und wenn ich zu mir selber kommen will. Und wenn ich zu meinem Gott und zu mir selber komme, dann nimmt er mich mit und führt mich hin zu meinem Nächsten: in der Krippe meines Nächsten wird Gott und werde ich selbst geboren.

Dieser Umbruch der Weihnacht braucht meinen Entschluß, der dem Entschluß Gottes zu mir und zu uns entspricht. An diesem Entschluß hängt mein Leben, hängt das Leben vieler Nächster, hängt die Leuchtkraft des lebendigen Gottes in einer ihm scheinbar entratenden Welt.

Solcher Umbruch der Weihnacht ist persönlich, aber nicht nur privat. Ost und West, Süd und Nord, Volk und Volk, Reich und Arm, dies alles gehört [104] zusammen in Jesu Geburt, wie du und ich zusammengehören in ihr. Wir mögen es vielleicht nicht mehr, daß man immer wieder spricht von den Asylbewerbern, den Hungernden in Somalia, den Unterdrückten und Bedrängten in aller Welt. Aber sie mögen es nicht, daß wir von ihnen schweigen, und der in der Krippe mag es nicht. Nur in der Krippe meines Nächsten finde ich seinen, meinen, der Welt Frieden. Nur an der Krippe meines Nächsten wird für mich Weihnachten.



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