Das Wort für uns


Beitragsseiten
Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[81] Beten können

Vielleicht ist das Beten kein Problem für uns. Wir haben es als Kind gelernt und sind hineingewachsen in seine Wirklichkeit. Es hat die Stationen unseres Lebens begleitet, hat sich in seiner Gestalt und in seiner Blickrichtung zwar dem Verlauf unserer persönlichen Lebensgeschichte angepaßt, aber seine Mitte, das lebendige Du-Sagen zu Gott, im Vertrauen, daß er uns hört, das ist geblieben. Vielleicht haben wir das Beten auch erst allmählich in einer notvollen Geschichte mit den Ausweglosigkeiten menschlichen Daseins gelernt, aber nun hat es seinen tiefen und nicht wegzudenkenden Sitz in unserem Leben. Vielleicht auch hat eine große, schmerzliche oder beglückende Erfahrung, eine Begegnung, ein das Ganze umwendender Augenblick uns den Horizont des Gebetes aufgerissen, der [82] nun zum Horizont unseres eigenen Lebens, zu seiner Öffnung und Freiheit über sich hinaus, geworden ist.

 

Not mit dem Beten

Alles dies wäre kostbar, und falls es für uns zutrifft, so wäre es wohl dennoch sinnvoll weiterzulesen, wenn nun über die Nöte und Schwierigkeiten des Betens nachgedacht wird, in denen nicht wir, aber sehr viele von unseren Mitmenschen drinnenstecken. Der, zu dem wir beten, ist auch der Vater dieser anderen, und wir sind ihre Brüder. Wir können gar nicht eigentlich beten, indem wir diese anderen außer acht lassen. Es führt zu unserem gemeinsamen Vater und über unseren gemeinsamen Bruder Jesus kein Weg an einem unserer Mitmenschen vorbei. Die anderen gehören immer mit dazu, und zwar nicht als die „armen“ andern, die draußen stehen und die von uns, den „Habenden und Vermögenden in Sachen Gottes“ mitleidig mitzuziehen wären, sondern als die, die am meisten drinnen sind. Sie sind nämlich drinnen in dem Gebet aller Gebete, [83] im Gebet des Sohnes zum Vater, als er gerade nicht mehr beten konnte. Und das Gebet des Geistes in uns bestätigt gerade unsere Nähe zu denen, die nicht beten können. Wie nämlich Paulus sagt, „nimmt sich der Geist unserer Schwachheit an. Denn was wir beten sollen, wie es not tut, wissen wir nicht, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unsäglichem Seufzen; der aber die Herzen erforscht, der weiß, was das Sinnen des Geistes ist, weil er bei Gott eintritt für die Heiligen“ (Röm 8, 24-27).

Wenn wir diesen Text ernst nehmen, gilt also, daß keiner von uns beten kann. Aus uns selbst fehlt uns das Wort. Der beten kann, ist ein anderer, ist der Geist; nur er in uns vermag zu beten, wie es recht ist. Was heißt aber dieses Nichtkönnen, das vielen von uns so spürbar und bedrängend und vielen sogar schon bereits so selbstverständlich ist, daß ihr Nichtbetenkönnen sie gar nicht anficht? Einige Stichworte seien genannt.

Wir schätzen heute zu Recht das Ethos einer radikalen Redlichkeit hoch. Wenn wir aber den Maßstab der Redlichkeit an unser Leben anlegen, dann spüren wir bald, daß unser alltägliches Handeln geleitet ist von vielerlei selbstsüchtigen [84] Interessen und gesteuert von vielerlei undurchdringlichen Einflüssen unserer Umwelt. Unser Leben ist alles eher als ein beständiges Du-Sagen über uns hinaus, als eine Öffnung hin zum letzten Grund und Ziel des Daseins, hin zu Gott. Und da kommt es uns eben unehrlich vor, plötzlich umzusteigen und zu tun als ob, du zu sagen in fertigen Formeln wie zu einem guten Freund unseres täglichen Umgangs. Und wenn wir's wollten, es wäre nur wie eine schale Form, die wir nicht mit dem Mark unseres Lebens zu füllen vermöchten; ein Klischee, hinter dem nicht mehr steckt als hinter den hundert anderen Klischees, die unser Verhalten tagein und tagaus programmieren. Aber dafür ist der Name Gottes und seine wenn auch noch so ferne und undeutliche Wirklichkeit zu schade. So ungefähr sieht eine der Gestalten von Not und Beten aus.

Eine andere: Haben wir nicht allzulange das Beten dort angesetzt, wo wir nichts mehr glaubten tun zu können ? War das Gebet nicht nur eine Ausflucht davor, uns den harten Fragen, den Ausweglosigkeiten in unserem Leben und im Leben der andern nüchtern, reflektierend, tätig zu stellen? Ist es nicht menschlich anständiger [85] und geschichtlich verantwortungsbewußter, wenn wir dort, wo man's am liebsten mit dem Beten probieren würde, die Frage riskieren: Was ist da zu tun?

So sagen heute viele, und bei anderen verschärft es sich noch. Durchschauen wir heute nicht viel besser die Zusammenhänge der Welt und des Lebens als früher? Wissen wir nicht, wie festgelegt, wie determiniert der Lauf der Welt ist, von wieviel Faktoren abhängig, die sich aufzählen und nachrechnen lassen? Ist da die Vorstellung von einem Gott, der die Kulissen der Welt aus dem Hintergrund anders zurechtschiebt, die Idee von dem großen Puppenspieler, der alles nach seiner Laune, die wir ihm mit unseren Bittgebeten einflößen, an unsichtbaren Drähten tanzen läßt, nicht schrecklich überholt? Auch wer an Gott glaubt, kommt heute oft in Schwierigkeiten damit, wie denn Gottes Wirken auf die Verhältnisse der Welt konkret aussähe und was ein bittendes Umstimmenwollen des Gottes denn für einen Sinn habe, der, wenn er Gott ist, doch alles schon je weiß und sieht.

 

[86] Not mit uns selbst

Auf diese Schwierigkeiten allesamt läßt sich Gewichtiges sagen, läßt sich Antwort geben, die Vorurteile ausräumt und Beten rechtfertigt. Aber käme ein solchermaßen aufgeklärtes und gerechtfertigtes Gebet nicht erst recht in seine Not und in sein Unvermögen hinein. Wieso? Vor Gott stehen dürfen, ihn anreden dürfen, ihm etwas sagen dürfen, das alles entbindet uns nicht von uns selbst.

Wer aber sind wir? Sind wir nicht manchmal noch weiter von uns entfernt als der noch so fern gewähnte Gott? Ist es nicht ein entsetzlich fremdes Gesicht, das wir da vor dem Spiegel zurechtmachen und den anderen mehr oder weniger wohlgelaunt präsentieren? Läuft unser Leben nicht ab wie ein vorprogrammiertes Uhrwerk – aber so, daß dabei wir selbst uns davonlaufen und nicht wissen, was wir mit dem Leben anfangen sollen? Sind wir überhaupt mit uns selbst identisch? Kennen wir uns selbst? Sind wir nicht bei uns daheim ganz anders als in Gesellschaft, vielleicht in einer halben Stunde bereits ganz andere als jetzt? Not mit dem [87] Beten ist nicht nur Not mit Gott, sie ist Not mit uns selbst.

Wer wir sind, wissen wir nicht, und doch sind wir. Und was wir auch täten, wir kämen nicht daran vorbei, daß es uns gibt. Wir sind uns vorgegeben, wir sind uns aufgegeben, und was immer wir beginnen, selbst wenn wir uns vernichten wollten, es wäre schon eine Antwort darauf, daß es uns gibt. Dieser Zweiheit in unserem eigenen Dasein können wir nicht entrinnen: Es gibt mich, ich bin mir gegeben, allem meinem Wollen und Mögen, all meiner Freiheit voraus – aber indem ich bin, muß ich dann eben doch von mir her, nachdenkend, mir Rechenschaft gebend, eben verantwortlich, damit etwas anfangen, daß ich allem meinem Anfangen voraus schon bin.

Ich bin also, ehe ich etwas anfange, aber indem ich bin, fange ich mit mir etwas an. Hier ist ein letzter Zwiespalt, den ich nie ganz in den Griff bekomme. Man kann, wie man so sagt, sein Leben meistern. Aber kann man es wirklich? Spüren wir nicht, wie töricht es wäre, wie aufgeblasen und billig, wollte man sagen: Egal, was auch auf mich zukommen wird, ich [88] werde damit fertig, mir kann nichts etwas anhaben?

Das wäre nicht unsere Wahrheit. Unsere Wahrheit ist viel eher der Ruf nach einem Letzten und Äußersten, das uns auffängt, das uns in allem Zwiespalt die Zusage gäbe, daß wir aufgenommen sind. Aufgenommen durchaus als verantwortlich, aufgenommen durchaus so, daß darin unser Leben nicht zum klappenden Automaten würde, der funktioniert, ohne daß etwas passieren kann. Aber aufgenommen so, daß ich ein Wohin habe, auf das hin ich mit mir etwas anfangen kann, ein Wohin, das Du sagt zu meinem Ich, ein umgreifendes Du, in dem alles, was in mir ist, in seiner Verworrenheit und Vielfalt, in seiner Fülle und Dichte sein darf und sein kann.

 

Sich selbst loslassen

Es geht hier nicht darum, aus dieser Sehnsucht unseres Ich einen Beweis dafür zurechtzuzimmern, daß es dieses Du gibt. Aber man darf darauf hinweisen, daß es Zeugnisse, Zeugnisse lebendiger Menschen gibt, die sich auf dieses Du [89] Gottes eingelassen haben und die von diesem Du her mit sich selbst eins und zu allem, zur ganzen Welt, zur Zukunft und zur Menschheit frei geworden sind. Das Zeugnis dieser Zeugnisse ist das Zeugnis des Lebens Jesu selbst.

Sein Leben war Gebet, Du-Sagen zum Vater, bis in den Tod. Es ist Wort, Du-Wort an den Vater. Und dieses Leben ist im Tod nicht zu Ende, sondern im Tod wird sichtbar, daß der Vater zu ihm Du sagt, das unzerstörbare, lebenspendende, auferweckende Du, das ihn uns schenkt als den, durch den unser eigenes Leben zum Gebet zu werden vermag, zum Du-Sagen zu Gott, durch alle Abgründe und Endlichkeiten, durch den Tod hindurch. In ihm können wir das Wort finden, ja selbst Wort werden, das uns hinausträgt über uns selbst. Beten heißt: sein eigenes Sein loslassen, es über sich selbst hinaus und von sich selbst weggeben, in der Gemeinschaft mit dem, der sein Leben für uns an den Vater hingegeben und aus der Hand des Vaters sein Leben für uns, als unser Leben neu empfangen hat.

Wenn wir es so sehen, dann fällt die Sorge darum weg, ob Gebet nur eine Ausflucht sei vor dem Handeln. Wo wären wir freier zu handeln [90] als dort, wo uns nicht mehr die Ohnmacht, wir selbst zu sein, blockiert, sondern wo wir uns geschenkt sind von dem her, der uns das Leben geschenkt hat? Und auch die andere Sorge klärt sich: Bittgebet ist nicht ein Herummanipulieren an einem vorgefertigten Weltplan, sondern eine Weggabe aller Unfreiheiten und Festlegungen, aller Ausweglosigkeiten und allen Unvermögens in den, der aus dem Nichts neues Sein, aus dem Tod Leben, aus dem Ende Anfang schafft. Da darf die totale Verwandlung der Situation dadurch geschehen, daß nur wir selbst die neuen Augen empfangen, da darf aber auch das Unerhörte und Unerdenkliche geschehen, daß um uns herum auf einmal Dinge und Bedingungen neu und anders sind.

Wie das im einzelnen passiert, wird uninteressant. Wichtig ist das eine: Gott sagt so lebendig und so ganz Du zu uns, daß auch wir zu ihm Du zu sagen vermögen, ein Du, das er hört und ernst nimmt, wie nur jemand uns zu hören und ernst zu nehmen vermag. Das eben ist sein Geist in uns, der für uns eintritt und der in uns über alle Faßbarkeit unserer eigenen Vorstellungen und Worte hinaus betet.

 

[91] Sein Geist betet in uns

Vielleicht geht uns das alles ein bißchen zu rasch. Vielleicht denken wir: Das mag theologisch richtig sein, aber es holt uns nicht dort ab, wo wir in unserer Not ums Beten, in unserer Fremdheit gegenüber dem Beten stehen. Aber was uns in dieser Not „abholt“, ist nicht ein Gedanke, sondern der, der in uns betet. Und für ihn können wir uns, sozusagen im Sprung, öffnen. Nicht etwas bewerkstelligend, sondern uns einfach überlassend.

Vielleicht ist es einmal gut, nichts anderes zu wollen, als still zu werden. Wir werden dann erst merken, wie viele Stromstöße von Gedanken, Eindrücken, Vorstellungen durch uns hindurchgehen. Wir sind wie in einer Flut, die uns andauernd von uns selbst wegschwemmt, nicht zu uns kommen läßt.

Für das Beten ist es nun nicht einmal entscheidend, daß wir diese absolute Stille erreichen. Es kann sogar „richtig“ sein, wenn es uns trotz allen Bemühens nicht gelingt. Denn das können wir erkennen: In diesem undeutlichen und unbewältigbaren Strom bin doch ich selber, ich, der [92] mir Gegebene und Aufgegebene, ich, der sich selbst immer wieder Entrinnende. Und dann dürfen wir uns sagen: Nicht ich vermag mich, nicht ich kenne mich, nicht ich habe mich, aber du, tiefer innen als mein Inwendigstes, du kennst mich und durchschaust mich, weißt um mich und bejahst mich, sagst Du zu mir.

Und nun will ich nichts anderes als eben dies: ich will es gelten lassen, ich will es wichtiger und größer sein lassen als all mein eigenes Wollen, Mögen, Vermögen und Nichtvermögen, wichtiger und wirklicher als mich selbst, daß du ja zu mir sagst. Dieses dein Ja, Gott, füllt mich aus bis an den Rand meines Daseins, den ich nicht fasse und nicht kenne; in diesem Ja bin ich bei mir. Aber dein Ja bleibt nicht am Rand meines eigenen Daseins stehen, sondern es geht weiter, darüber hinaus, zu den anderen, zu allen.

Und da nimmt dieses dein Ja mich mit, weg von mir, über mich hinaus. So bin ich mit dir und in dir einer, der betet, und in diesem Gebet sind die anderen, ist die Welt. Dieses Gebet ist nicht zu Ende, wenn ich nachher wieder an meine Aufgaben, wieder zu meinen Nächsten gehe. Dieses Gebet gibt Leben und ist Leben, und [93] es wird aus dem Leben immer wieder zurückschlagen wollen in die Sammlung, die mich daran erinnert, daß du es bist, der in mir, inwendiger als ich in mir, ja sagt zu mir und zur Welt. Der Weg der Sammlung wird dann auch zum Weg der Versammlung werden können, zum Weg einer Sammlung, die ich nicht nur allein und privat für mich suche: Ich werde erkennen und erfahren, daß andere dazu gehören, genauso ohnmächtig, so vorläufig, so beschränkt wie ich, andere, die aber wie ich und mit mir glauben, daß du ja zu ihnen und ja zur Welt sagst. Und so sind wir die Gemeinde deines Sohnes, die Gemeinde Jesu, der dieses lebendige Ja ist, das du uns schenkst, dein Wort, in dem du uns allen dich selbst, in dem du uns, einem jeden, sich selbst, in dem du uns einander, in dem du uns die Welt schenkst. Sein Geist ist es, der in uns betet.

 



  Oben