Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[55] II. Das Wort in uns

 

[57] Wo das Wort finden?

Funkantenne auf einem Wagen, der kreuz und quer durch die Straßen einer Stadt fährt und dabei diesen Spruch, jenen Wortfetzen, irgendein Geräusch auffängt: ist das nicht Bild für unser Leben? Immer empfangen wir irgend etwas, immer streift oder trifft uns ein Eindruck, ein Impuls, ein Wort. Informationen, Stimmungen, Meinungen: alles wird in uns eingespeist, alles wird, kaum daß wir uns wehren können, in uns eingespielt, es drängt sich in unser Leben hinein und macht sich zu seinem Inhalt.

Aber wir hören nicht nur, wir empfangen nicht nur, wir sind nicht nur fremdbestimmt. Nicht nur Antenne, sondern auch Sender. Beständig geht etwas von uns aus, geben wir etwas weiter in unseren Reaktionen und Aktionen, in dem, was wir sagen, aber auch in dem, wie wir [58] dreinschauen, in dem, was wir sind. Wir hören beständig ein Wort, wir sagen beständig ein Wort, aber welches? Wechselnde Worte, undeutliche Worte, eine verschwommene Klangtapete, ein zusammenhangloses Hin und Her kontrastierender Worte? Sage mir, was du sagst, und ich sage dir, wer du bist.

Am Grab eines lieben Bekannten sagte kürzlich der Priester, in den paar Tagen seit dem Tod dieses Menschen sei ihm bei vielen Stellen der Heiligen Schrift aufgefallen: Dieses Wort paßt genau zum Leben des Verstorbenen, es bringt zum Ausdruck, wer er war. Ich fragte mich, könntest du dir eine schönere Inhaltsangabe für dein eigenes Leben, ja für das Leben eines jeden Christen vorstellen als die, Spiegel, gelebte Gestalt der Worte Gottes zu sein?

Und doch sträubt sich in uns etwas dagegen. Unser Leben will ein Wort sagen, aber es will nicht nur Repetition anderer Worte sein, es will durchstoßen zum eigenen Wort. Die großen Künstler haben unverwechselbar und einmalig ihr je eigenes Wort in ihrem Werk formuliert, die großen Menschen insgesamt haben es formuliert durch ihre Existenz. Finde dein Wort, [59] trag es durch gegen Widerstände, laß es unbeirrt von allem, was dich ablenken will, Gestalt werden in deinem Leben! So ungefähr ließe sich die Leitvorstellung eines Humanismus kennzeichnen, für den Menschsein sich vollendet in der Individualität, in der Persönlichkeit, Gewiß, nicht jeder kann und soll ein kleiner Goethe oder Albert Schweitzer sein. Aber in seinem Bereich, in seinen Grenzen muß er doch darum ringen, das bloße „man“, die bloße Anpassung, das bloße Klischee zu überwinden und sein eigenes Profil zu finden, er selbst zu werden.

Erfahren wir indessen nicht unübersehbar die Grenzen eines solchen Ideals? Ist es für den Menschen nicht zuwenig, nur sich selbst aufzuführen, ins Leben der Gesellschaft und der Menschheit nur sein Ich einzubringen? Sollte das Wort, das ich mit meinem Leben sage, nicht viel eher ein Wort sein, das größer ist als ich? Sollte sich mein Leben nicht in den Dienst stellen für eine Idee, die tiefer gründet als nur in mir, die weiterreicht als nur bis zu mir? Bin ich nicht gerade dann ich selbst, wenn ich selbstlos zur Verfügung stehe für eine Botschaft, für ein Wort, für eine Sache, die nicht nur mich angeht, son- [60]dern alle, die nicht nur mein Leben prägen kann, sondern das Leben vieler, ja vielleicht sogar Gesellschaft und Welt im ganzen verändern will? Aber auch hier wiederum: Grenze. Wer die größeren Worte zu seinen eigenen macht, der kann zum Eiferer werden, der kann sich selbst auffressen lassen und ein Feuer nähren, das auch andere auffrißt. Fanatismus und Ideologie sind nicht selten Folge, die aus einem edlen Idealismus, aus einem lauteren Engagement fürs Höhere und Größere herauswächst. Individualität oder Idee oder auch ihr Kompromiß: in diesem Feld scheint die Lösung nicht zu liegen, wie der Mensch das Wort finden kann, das sein Leben lohnt.

Also doch vielleicht jener Mensch, an dessen Leben sich Worte, wirkliche Worte ablesen ließen, die ein anderer gesagt hat? Die Enge der Beschränkung aufs eigene Ich, aber auch die Namenlosigkeit einer bloßen Idee ist hier aufgehoben in die lebendige Beziehung, ins konkrete Gegenüber: ich, aber nicht nur ich; etwas anderes, aber kein namenloses anderes, sondern ein anderer, ein Du. Worte, wirkliche Worte, menschliche Worte sind von dieser Art. Und wo [61] sie mein Leben prägen, da kann dieses Leben wahrhaft menschliches Leben sein.

Alles freilich kommt darauf an, welchem Du ich begegne, von welchem Du ich mir das Wort sagen lasse. Jener, der nur mein Wort entbindet, ließe mich letztlich doch nicht über mich hinauskommen; jener, der mich nur überwältigt, drohte mich zu überfremden - und die Verfallenheit an ein Du ist nicht weniger Zerrform als die Verfallenheit an mich selbst oder an eine Ideologie; jener, der nur, genauso vorläufig und armselig wie ich, mir sein Wort liehe als Inhalt meines Lebens, könnte den Kreis auch nicht aufsprengen. Aber gibt es überhaupt ein anderes Du, gibt es überhaupt ein anderes Wort? Menschen, die lebendige Erfahrung mit dem Wort Jesu gemacht haben, können es uns bezeugen: es gibt dieses andere Du, es gibt dieses andere Wort.

 

[62] Menschsein heißt Wort sein

Es waren nicht nur Prophetenworte, die jene hörten, die ihm begegneten, Worte, die als ,,Last Gottes“ über einen Menschen kamen, sich in seinem Leben durchsetzten, ihn beanspruchten bis ins Äußerste und Innerste zugleich, Worte, hinter denen der gleichsam verschwand, der sie ausrichtete. Jesus ist mehr „da“ als der Prophet – aber auch Gott ist mehr „da“. Es geht ihm nur um den Vater, der Vater ist groß.

Aber daß der Vater groß, daß Gott alles ist, dies bedeutet für Jesus nicht nur Botschaft, für die er Zeugnis gibt, nein, er selbst, sein ganzes Leben, sein Eigenstes ist diese Botschaft: Er ist das Wort. Gott hat in ihm sein Wort gesagt, hat sich in ihm ganz ausgesagt, er hat nichts anderes mehr zu sagen als ihn, ihn in seinem Wort, ihn in seinem Leben, Sterben und Auferstehen. Und gerade in dieser ungeheuerlichen Totalität, mit der Gott sich in Jesus uns zusagt und hingibt, sind die Worte Jesu ganz menschliche Worte, ist er selbst ganz unser Menschenbruder. Jesu Leben und Jesu Wort sind nicht der Strahl, der senkrecht vom Himmel fährt und das Geflecht [63] des menschlichen Lebens und der menschlichen Welt verbrennt, Gottes Wort, das Wort, das bei Gott ist und das Gott ist, kommt in Jesus von nebenan, von gegenüber. Es kommt im Mit-Sein, in der Gemeinschaft von Mensch zu Mensch auf uns zu.

In diesem Wort, in dieser Begegnung ist unsere menschliche Situation mit drinnen: Wir hören, wir antworten, wir gehen mit, wir leben mit, wir sind freigelassen, ja freigegeben an uns selbst. In diesem Wort, in dieser Begegnung sind aber auch wir selbst mit drinnen. Wir sind nicht nur Partner zu diesem Wort, sondern unser Innerstes, unser Eigenstes, der Schlüssel zu mir und dir und zur Welt liegt in diesem Wort, er liegt in Jesus. Er ist das Wort, in dem alles geschaffen wurde, auch ich.

Wenn ich Jesu Wort lebe, wenn ich es mit meinem Dasein nachzusprechen suche, dann kommt nicht nur ein Schauspiel zur Aufführung und ich habe darin eine Rolle zu spielen. Nein, daß es mich gibt, daß ich dieser da bin, das ist im Licht dieses Wortes nicht mehr Geschick, blinde Tatsache, Zufall. Daß es mich gibt, daß ich dieser da bin, daß es Welt, diese Welt gibt, [64] ist mir zugesprochen – und das Wort, das mir die Welt und mich selbst zuspricht, finde ich in Jesus und seinem Wort. In ihm finde ich allererst mich und die Welt, ich kann allererst mich und meine Welt identifizieren. Wenn ich mich von diesem Wort beim Namen rufen lasse, entdecke ich erst den neuen Namen, der mich und alles aus der Sprachlosigkeit, aus der Dumpfheit, aus der unentwirrbaren Verschlüsselung herausruft.

Aber stimmt das überhaupt, mache ich nicht so viele rätselhafte Erfahrungen mit mir, mit den anderen, mit der Welt, Erfahrungen der Schuld, aber auch der Tragik, der Sinnlosigkeit und Belanglosigkeit? Wie paßt das zu dem einen Wort, das mir alles, das in allem mir die Liebe und Nähe Gottes zusprechen will? Bricht nicht der Glaube, daß Jesus das Wort ist, in dem alles erschaffen ist, zusammen, wenn wir mit unverbundenen Augen die Wirklichkeit sehen: Wie vieles bleibt da wortlos, beziehungslos, ungedeutet und unerlöst draußen liegen? Daß Jesus das Wort ist, in dem alles geschaffen wurde, ging auch den Jüngern erst auf, nachdem die Bewegung der Fleischwerdung dieses Wortes die [65] Zone der Stummheit, der Unerklärlichkeit, des Todes, der Schuld durchlaufen hatte. Das Wort ist Schweigen geworden, das Wort ist Warumschrei geworden, es heißt von Jesus, er sei zum Fluch und zur Sünde geworden (vgl. 2 Kor 5, 21; Gal 3, 13). Alles, auch das Wortlose, findet in ihm ein Wort, nicht eine Erklärung, aber die Antwort der Liebe, die größer ist als alles Erklären.

Dieses Mehr läßt sich nicht registrieren, es läßt sich nur erfahren von dem, der das Wort tut, der das Wort lebt. Von Anfang an war Jesu Wort Nachfolgeruf. Jesus selbst ist Wort, das kommt; Wort, das nicht erst im allmählichen Enträtseln der vielen Silben des Lebens, der Welt, der Probleme von unten her ermittelt, herausanalysiert wird, sondern Wort, das sich schenkt, in dem Gott sich selbst schenkt. Einem solchen Wort aber kann nicht bloßes „Fürwahrhalten“, kann auch nicht die bloße Meditation, die Versenkung, die intellektuelle Aneignung und Durchdringung als Antwort genügen. Es entspricht der inneren Logik dieses Wortes, daß es sich an den Menschen selbst, an sein Leben wendet, an das, was er ist. Da gehört das Denken [66] mit hinzu, aber es gehört eben auch die Entscheidung mit hinzu, der Stoff, das „Fleisch“. Allein wer in die Nachfolge Jesu eintritt, findet in ihm, in seinem Wort sich selbst, den Herrn selbst und die ganze Welt.

Nachfolge trägt uns über uns selbst hinaus – und so gerade trägt sie uns selbst. Nachfolge identifiziert uns, indem sie uns entäußert. Nachfolge eröffnet uns das Wort, das Gott ist und in dem alles gemacht ist, und gerade darin entdecken wir unser eigenes Wort. Nachfolge ist das treue Nachsprechen des Wortes, das ein anderer gesagt hat, und gerade so wird dieses Wort zum unverwechselbar eigenen, zum je neuen Wort. Dann aber ereignet sich in diesem Wort eine merkwürdige Doppelbeziehung: Ich spreche dieses Wort, es wird zum Wort meines Lebens, es wird – recht verstanden – zu meiner Tat; aber mehr noch sagt dieses Wort mich, das Wort ist der sprechende, der aktive Part. Ich lasse mir sagen, wer Gott ist, wer ich bin, was die Welt ist - mein Dasein, mein Leben, mein Tun -, und von diesem Wort lasse ich mich selber sagen.

Nicht nur zwischen mir und Gott schafft das Wort neue Verhältnisse, sondern auch zwischen [67] mir und der Welt. Indem ich mich ganz auf Gottes Wort einlasse, indem ich in den wechselnden Strophen meines Lebens es sich selber sagen lasse, wird mein eigenes Dasein zur Interpretation, zur „schöpferischen Exegese“ des Wortes Gottes. Aber in diesem selben Wort, das ich sage und das sich in mir sagt, ist doch auch gesagt, wer du bist, der Mensch neben mir, und was die Welt ist, in der wir leben. Das Wort, das ich in mir trage, ist dir inwendiger als dein Innerstes, es ist inwendiger in den Dingen als ihr innerstes Geheimnis. Das heißt aber nicht, daß ich einen „Trick“ hätte, um an dich und die Welt heranzukommen, um hinter dich und die Welt zu kommen.

Das Wort, das Fleisch geworden ist, hat sich verschenkt, hat sich hingegeben bis in den Tod, es hat das Hören gelernt, das Eingehen auf jene, die in ihm geschaffen sind. So und nur so ist es in seiner ganzen Fülle das Wort, in dem alles drinnen ist. So und nur so, in dieser dienenden Bewegung der Entäußerung, der immer neu horchenden Liebe, des schweigenden Einswerdens bringe ich in die Bewegungen und Beziehungen der Geschichte das Wort ein, in dem [68] Menschen sich und die Welt und Gott entdecken können. Und doch: dies und nicht weniger ist meine Aufgabe, meine Sendung in der Nachfolge des Wortes.

Ist hier nicht etwas Grundlegendes passiert mit dem Menschen? Ich bin davon befreit, nur meinem eigenen Wort nachzujagen, nur meine eigene Persönlichkeit auszuprägen, der Gefangene meiner Einmaligkeit zu sein. Und ebenso bin ich davon befreit, nur ein „Fall“ des allgemeinen Wesens Mensch zu sein, Nummer im Kollektiv, Vollstrecker einer Idee über mir, eines Gesetzes, das mich mit Gesellschaft und Welt zusammenschweißt. Mein Wort ist weder nur das meine noch nur das allgemeine. Ich habe mein Wort zu sagen, aber mein Selbersagen ist ein Mit-Sagen, Mit-Sagen mit Gott und Mit-Sa-gen mit den anderen, mit der Welt. Gott und Welt und Mensch treten ein in die Beziehung, ins Aufeinanderzu, in welchem nichts isoliert und nichts ausgelöscht ist.

 

[69] Wie das Wort leben?

Wort sein, das Wort leben: formal scheint alles zu stimmen. Doch ist nicht das die fatale Kehrseite so vieler Formeln: Es stimmt, aber es geht nicht. Neue Horizonte sind uns aufgerissen, aber wo sind Wege, gangbare Wege?

Nun, Nachfolge ist ein Weg. Damit dieser Weg auch Weg für uns sein kann, bleibt uns nicht die Mühe erspart, uns ins Gehen dieses Weges einzuüben, seine Schritte setzen zu lernen – und das heißt, das eine Wort, das Jesus ist, in den vielen Worten, die er uns sagt, mit dem Leben buchstabieren zu lernen.

Der Weg Jesu selbst war ein Buchstabieren des Wortes, das er ist. Immer neu orientierte er sich am Vater, holte ihn, seine Wirklichkeit, seine Nähe ein in die Stationen seines Lebens, menschlichen Lebens überhaupt. Es war seine Speise, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4, 34). Im beständigen Leben aus dieser Speise, Augenblick für Augenblick, hat sich Fleischwerdung des Wortes hineingesprochen, hineinereignet in die Welt. Alles, was zum menschlichen Leben gehört, alles bis hinein in Schuld und [70] Gottverlassenheit ist „Fleisch“ des Wortes geworden, ist im Wort Wort geworden.

Das Leben Jesu hat nicht ein Konzept, es erfüllt nicht eine Planskizze, es ist Leben in der Stunde – die Stunde aber gehört dem Vater. Immer stößt Jesus durch zu ihm, entziffert seinen Willen hier und jetzt. Indem Jesus geradezu punktuell vom Vater her lebt, erhält sein Leben aber zugleich Linie, innere Dynamik. Es ist wirklich ein Wort, das sich in den vielen Worten seines Lebens uns zuspricht. Und schon in den Schriften des Neuen Testaments sind die vielen Worte hingelesen auf das eine Wort, auf die eine Grundbotschaft, die sich in vielerlei Überlieferungen, in vielerlei Theologien spiegelt.

Genauso wie es Jesus getan hat, muß es auch sein Jünger tun. In der christlichen Überlieferung wurde immer wieder die Kommunion des Brotes und die Kommunion des Wortes, der Tisch des Brotes und der Tisch des Wortes zusammengesehen. Jesus sagt in der Brotrede: „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird auch jeder, der mich ißt, durch mich leben“ (Joh 6, 57). Stellt uns das nicht ein Modell vor, wie wir aus Jesus [71] – nicht nur im Brot, sondern auch im Wort – leben können? Wir sahen doch, wie viele Worte uns täglich nähren, wie viele Worte wir täglich weitergeben.

Christsein heißt nun: in jeder Situation hindurchdringen zu dem, was sie von Gott her meint, zu dem Wort; in jeder Situation aus der Tiefe leben, die uns in Jesus, dem fleischgewordenen Wort erschlossen ist. Die unerbittliche Regelmäßigkeit, mit welcher unser Leib die Nahrung verlangt, setzt auch das Maß für unser Leben aus dem Wort, für die Inkarnation des Wortes, die in uns geschehen soll. Da ist nicht fromme Übung gemeint, auch Essen ist keine fromme Übung. Es ist gemeint der das Leben prägende Kontakt mit dem Wort Gottes im Augenblick, im wirklichen Augenblick meines Daseins.

Da gehört – dieser Ausdruck sei nochmals wiederholt – ein wirkliches Buchstabieren dazu. Warum nehmen wir nicht ein Wort, ein einzelnes, fast zufälliges der Schrift, um in diesem Wort zugleich in die Tiefe des Wortes überhaupt und in die Realität unseres Daseins überhaupt vorzustoßen? Im Klartext: eine Woche lang, ei- [72]nen Monat lang ein Wort durch-leben, es durch-deklinieren durch die Begegnungen, Aufgaben, Nöte, durch mein Sehen, Hören und Tun.

Haben wir keine Angst vor Verkrampfung, Künstlichkeit oder dilettantischer Exegese, die uns so unterlaufen könnten. Es geht da nicht um Isolierung des einzelnen Wortes, sondern darum, es als die Pforte, als den Einstieg ins ganze Wort zu sehen. Wir nehmen ja auch nicht bloß Hüte und Mäntel, sondern Menschen in ihrer Kleidung wahr. Wir sehen immer nur durch eine Seite, durch einen Aspekt das Ganze. Wem es nicht um den Buchstaben, sondern um das Wort geht, zu dem dieser Buchstabe gehört, der wird sich aus Engführungen herauszuhalten wissen, aber er wird etwas hinzulernen, was kein intellektueller Umgang allein ihm erschließen kann: er wird entdecken, daß Gottes Wort sein Wort ist, sein Wort und Wort für das Leben der Welt, Wort für die anderen, Wort, um sie zu verstehen und Wort, um ihnen etwas zu geben.

Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte des Wortes Gottes. Die großen Gründer haben zumeist ein Wort Jesu, eine Station seines Weges [73] als ihre besondere Berufung erfahren. Aus dieser besonderen Berufung wuchs die Berufung vieler, wuchs neues Leben, neues Licht für ihre Zeit und über ihre Zeit hinaus. Auf die Spitze dieses einen Wortes, dieser einen Station war immer jeweils das Ganze, das Umfassende, die unverkürzte Fülle des Evangeliums gestellt – und in dieser Spitze erreichte das Evangelium auf je einmalige Weise den Boden unserer Erde, die konkrete Situation der Geschichte.

Es sei etwa an die Berufung des Franz von Assisi erinnert. Das Evangelium in der Meßfeier des 24. Februar 1209 gab seinem Leben die Richtung: „Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd“ (Lk 9, 3). Franziskus erkannte sogleich: Das ist es, was ich begehre: das ist es, wonach ich von ganzem Herzen verlange! Und sogleich setzte er das, was er gehört hatte, um in die Tat. In diesem Evangelium wurzelt das Armutsideal der franziskanischen Bewegung, der spezifisch franziskanische Einstieg ins Wort Gottes, ins ganze Wort des Evangeliums. Solche Exegese durchs Leben ist nicht Repetition, sondern Ereignis.

[74] Und nicht nur neue Landschaften der Geschichte und des Menschenlebens treten so ins Licht des Wortes; das Wort selbst entbirgt neues Licht, gewinnt neue Tiefe, offenbart, daß es mit seinem Gesagtsein noch nicht ganz gesagt ist. Wieviel reicher ist dieses Evangelium dadurch geworden, wieviel reicher ist die Kirche an evangelischer Kraft dadurch geworden, daß es Franz, daß es seine konkrete Nachfolge in diesem Wort gibt.

Oder nennen wir noch einen Namen unseres Jahrhunderts: Charles de Foucauld. Nazareth, letzter Platz – diese eine Station des Weges Jesu wird für Ungezählte Schnittpunkt mit ihrem Lebensweg, Ansatzpunkt für einen Weg des Evangeliums in unsere Welt, Ansatzpunkt für das Apostolat der Präsenz.

 

Verfügbar für das Wort

Ein dritter Name ist mehr als ein weiteres Beispiel: Maria, die Mutter des Wortes. In ihrer vorbehaltlosen Leere von sich selbst, in ihrer reinen Verfügbarkeit für das Wort, das an ihr ge- [75]schehen soll, ist sie die Hohlform, das Negativ des fleischgewordenen Wortes, das Gefäß, das Raum hat für den, der unendlich größer ist als sie. In ihr ist nicht ein Wort der Einstieg in die Fülle des Wortes, in ihr ist nicht nur eine Station des Lebens Jesu gelebt. Sie ist das Mitleben mit ihm, das Zuleben auf ihn, sie ist die äußerste Möglichkeit des Geschöpflichen: Spiegelbild des ganzen Wortes, in dem alles erschaffen und erlöst ist. Ihr Weg aber ist das immer neue Nichtwissen, das Nichtkönnen, die Unplanbarkeit, das „Augenblick für Augenblick“. In ihr findet sich nichts als sein Wort – und gerade darum finden in ihr die Menschen aller Jahrhunderte sich selbst: Mutter der Betrübten, Zuflucht der Sünder, Heil der Kranken.

Auch unser Leben soll Geschichte des Wortes Gottes werden. Vielleicht gibt uns dazu einer der großen Gründer, eine der großen Gestalten der Christenheit das Stichwort. Vielleicht heißt unser Stichwort aber auch Maria: Leben von Augenblick zu Augenblick, Leben von Wort zu Wort, Leben auf einem Weg, der äußerste Einfachheit mit äußerster Offenheit verbindet. Die Menschheit hat noch nie so sehr im Gesamtbe- [76]wußtsein ihrer Geschichte, noch nie so sehr in einer unteilbaren Gemeinschaft aller mit allen gelebt. Noch nie war so sehr das Ganze unser Horizont, das Ganze unsere Aufgabe – und doch ist unser Heute so punktuell, so sichtlos, so zurückgenommen in das Nacheinander bloßer Augenblicke und in das Nebeneinander bloßer einzelner. Die Welt braucht das ganze Wort, das universale Wort, und sie braucht es gelebt auf dem Hintergrund unseres Nichts, gelebt im Schweigen unserer Bedeutungslosigkeit, gelebt von Maria.

Nur das Wort, das mich und dich und alles sagt, kann die Welt zusammenbinden, kann die Parzellierung und Isolierung überwinden und zugleich das Kollektiv aufsprengen ins Geflecht lebendiger Beziehungen. Dann aber muß das Wort nicht nur von mir, es muß zwischen mir und dir, es muß im Wir, in der Gemeinschaft, gelebt werden. Nachfolge ist immer Nachfolge des einzelnen, unabnehmbarer Entscheid. Doch dieser Entscheid geht nicht nur vertikal auf Jesus zu, er heißt ebenso Anschluß an die konkrete Gemeinschaft des Glaubens. Wenn das Wort in uns Fleisch werden will, dann können wir uns [77] nicht in Distanz zu der Kirche halten, die berufen ist, der Leib des Wortes zu sein, und die – sagen wir es ruhig – dieser Leib in der Tat ist, wenn auch noch so oft verstellt und verbildet. Die Härte der Institution können wir uns nicht ersparen, wenn wir uns nicht die Fleischwerdung des Wortes selbst ersparen wollen.

Daß Kirche aber mehr ist als bloß Institution, wird dann erfahrbar, wenn sie zur Gemeinschaft des Wortes wird, in der möglichst viele möglichst konkret und möglichst ausdrücklich einander das Wort zuspielen, zuleben.

So wird das Wort zwischen uns geboren, so wird das Wort selbst hörbar und vernehmbar im Stimmengewirr und in der Monotonie. Der Weg Mariens ist nicht nur Weg für einzelne. Wir sollen miteinander Schoß sein, der das Wort empfängt, es austrägt und es gebiert, dasselbe Wort, das neue Wort, Wort für das Leben der Welt.

 



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