Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[46] Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns

Oft sehen wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Das Leben wird immer verwirrender und komplizierter, und es fehlt uns an Orientierung. Doch nicht nur in den Alltagsbereichen, in Beruf und Wirtschaft, in Gesellschaft, Politik und Kultur ist das so; es droht auch so zu gehen mit unserem Christentum.

Gewiß, dieser Befund ist nicht erst von heute. Auch früher fühlte sich mancher in der Kirche verwirrt vom Nebeneinander so vieler Frömmigkeitsübungen, Andachten und Praktiken, zwischen denen zum eigentlich Wesentlichen hindurchzufinden gar nicht so leicht fiel. Heute betont man dieses Wesentliche. Man versucht, die unaufgebbaren Punkte herauszuschälen. Aber wiederum stehen vielerlei Angebote nebeneinander. Die einen deuten die Mitte des Christ- [47]lichen so, die anderen anders – was verbindlich und eindeutig das unaufgebbar Christliche ist, steht mehr und mehr zur Diskussion.

So ist es mehr als verständlich, daß man nach Kurzformeln des Glaubens ruft. Das Anliegen ist klar: Man möchte eine Konzentration, und man möchte diese Konzentration dergestalt, daß es zu einer neuen Nähe zwischen dem Ausdruck des Glaubens und dem Ausdruck unserer unmittelbaren, wirklichen Lebenserfahrung kommt. Freilich liegen auch die Gefahren auf der Hand: Kurzformeln dürfen keine Kurzschlußformeln werden. Sie dürfen nicht das, was unbequem ist, das was aufs erste nicht eingeht, herausstreichen und so das Meinen und Mögen des Augenblicks zum Maß der Wahrheit Gottes erheben.

 

Jesu Geschichte mit dem Vater

Vielleicht hilft es weiter, sich einmal in der Heiligen Schrift, sich im Wort Gottes selber, umzusehen. Dort begegnen wir vielen elementaren Worten und Formeln, die wie ein Blitz die ganze Landschaft des Glaubens, den ganzen [48] Horizont des Christlichen erleuchten. Für mich selber hat eine eigentümliche Kraft immer wieder ein Wort des Johannesevangeliums entfaltet, ein Wort, das knapp die Grunddaten unseres Glaubens zusammenfaßt, dabei aber nicht im bloß Objektiven bleibt, sondern sie in eine ausdrückliche Beziehung zu uns, zu unserem Leben setzt. Jesus spricht in den Abschiedsreden von jenem Tag, da der Geist zu uns kommt, und er verheißt uns, daß wir dann erkennen werden, worauf es ankommt. Die Stelle heißt: „An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater; ihr seid in mir, und ich bin in euch“ (Joh 14, 20).

Zunächst geht es also um das Geheimnis Jesu, und dieses Geheimnis heißt: „Ich bin in meinem Vater.“ Gewiß, Jesus hat uns Hilfen für unser Leben, Modelle des Verhaltens, ein Beispiel neuen Menschseins gebracht. Er hat die Liebe zum Nächsten, die neue Sicht des Nächsten in die Mitte gerückt. Dies gilt und dies bleibt, und es soll nicht ins zweite Glied gerückt werden. Aber in all dem geht es ihm um den Vater. Und nur weil er uns den Vater eröffnet und den Vater nahebringt, tritt der Mensch selbst in ein neues Licht, werden wir zu einer neuen Menschlichkeit [49] befreit. Jesus schenkt uns seinen Vater. Er sagt und beglaubigt uns, daß dieser Vater auch unser Vater ist, daß er sich um uns kümmert, daß wir mit allem, was uns drückt, mit allem, was wir nicht vermögen und verstehen, zu diesem Vater kommen dürfen. Sein Vater ist unser Vater.

Und Jesus lebt in diesem Vater. Er will in dem sein, was des Vaters ist. Der Wille des Vaters ist seine Speise. Die Stunde des Vaters ist seine Stunde. Er betet zum Vater, er verkündet den Vater, er führt uns zum Vater. Der Vater ist sein Lebenselement. Dies aber nicht so, wie wir uns in unserem „Element“ fühlen, wenn unsere Lieblingsideen plötzlich ins Spiel kommen. Der Vater ist nicht die Lieblingsidee Jesu. Nein, er ist der lebendige Raum, in den er wirklich, mit seinem ganzen Leben, eingeht, in den er sich hineingibt und hineinstirbt, so ernst und so ganz, daß der Vater der Raum seines Lebens ist in alle Ewigkeit. Er ist vom Vater ausgegangen, er eröffnet den Vater, er kehrt zum Vater zurück, er ist im Vater: der Vater ist wirklich sein Lebensraum.

Das aber ist etwas Ungeheuerliches auch für uns. Wenn wir nach dem letzten Geheimnis, [50] nach dem Grund und Sinn von allem fragen, wenn wir das Antlitz Gottes suchen, dann dürfen wir in Gott Jesus finden. Gott hat keine tiefere Tiefe, kein inwendigeres Geheimnis als ihn. Er ist in seinem Vater. Soviel wir über Gott nachdenken und spekulieren, so tief wir ihn ergründen mögen, Tieferes werden wir nie in ihm finden als Jesus. Er ist sein letztes, innerstes und äußerstes, sein einziges Wort. In Jesus hat Gott uns alles gesagt und alles gegeben, was er zu sagen und zu geben hat.

 

Jesu Geschichte mit uns

Jesus, der von seinem Vater kommt, der uns den Vater verkündet und zum Vater zurückkehrt und nunmehr ewig in ihm lebt: dies ist aber nicht ein großartiges Schauspiel vorne auf der Bühne – und wir sitzen im Zuschauerraum dieser Welt, davon fasziniert und getröstet, aber eben doch getrennt, in unserem eigenen Lebensraum, im Dunkel dahinten, während vorne die Bühne erleuchtet ist. Nein, dieses Wort Jesu „Ich bin in meinem Vater“ ist nicht nur seine, es ist [51] unsere Geschichte. Um beim Bild vom Theater zu bleiben: wir sitzen nicht bloß im Zuschauerraum, sondern wir sind mit auf der Bühne, denn wir sind in Jesus drinnen. Dies ist doch der zweite Satz, der unabdingbar zum ersten dazugehört: „Ihr seid in mir.“

Jesus hat unser Fleisch angenommen. Er hat unser Leben zu seinem Leben, unsere Sorgen zu seinen Sorgen, unsere Fragen zu seinen Fragen, unseren Tod zu seinem Tod gemacht. Er hat uns, uns so, wie wir sind, in sich hineingenommen und trägt uns in sich hin zum Vater. Nie mehr können wir Gott begegnen, ohne in ihm uns selbst zu finden; denn Jesus ist im Vater, und in Jesus sind auch wir hineingenommen in diesen Vater. Inkarnation, Menschwerdung des Wortes ist keine einmalige Episode, sie ist das bleibende und ganze Ja Gottes zur Menschheit. Indem das Wort einmal Fleisch geworden ist, hat es uns, hat es alle Menschen in sich hineingenommen, und so sind wir in ihm für alle Ewigkeit.

Kehren wir noch einmal zu unserem Bild vom Theater zurück. Was wir bislang sahen, ist noch zuwenig. Es ist nicht nur so, daß Jesus vorne auf der Bühne unsere eigene Geschichte mit- [52]spielte, unser wirkliches, ganz banal alltägliches Leben, wir aber blieben, wie wir eben sind, blieben hinten im Dunkel des Zuschauerraumes. Es ist nicht nur so, daß wir in Jesus unser besseres Selbst in Gott hineingetragen finden, aber wir leben diesseits dieses besseren Selbst, wir bleiben sozusagen hinter uns selbst zurück. Nein, indem Jesus zum Vater geht, kommt er zugleich durch seinen Geist, den er uns schenkt, in uns hinein.

Er kommt dorthin, wo wir sind und bleiben, und so bleibt er drinnen im Zuschauerraum der Welt, eben dort, wo wir leben. Er spielt sein Spiel weiter in uns. „Er in uns“: darin vollendet sich das Spiel. Der Zuschauerraum selber wird zur Bühne, zur Bühne des Spiels Gottes mit der Welt. Uns, unsere armselige Wirklichkeit, unseren Alltag ergreift er im Geist, in uns und durch uns will er hinein in die Welt, in die Geschichte.  Indem wir ihn bezeugen dürfen, ist er aber nicht nur wie eine Ware, die wir verkaufen, sondern er ist unser eigenstes, innerstes Geheimnis, er lebt in uns, er ist inwendiger in uns als wir selber, größer und mächtiger in uns als wir selber. Er ist die Mitte unseres Lebens, die Achse, um die unser Dasein schwingt. Er ist es, von dem [53] wir leben können, er ist es, der uns von innen trägt und begleitet und erfüllt. Und so ist er es auch, den wir, uns selber gebend, den anderen, der Welt bringen dürfen.

 

Sein Herz in uns, wir sein Herz für die Welt

Und doch, wenn das alles wäre, so wäre es zwar unvorstellbar groß, aber immer noch weit weg von uns, von unserem Erleben und Erfahren. Er im Vater, wir in ihm, er in uns – was sagt dieses geheimnisvolle Ineinander? Ist das nicht nur Spekulation, nicht nur eine mystische Tiefe, in welche wir uns in ein paar raren Stunden hineinversenken können, fern von unserem Alltag? Mir selber ist aufgegangen, daß dies nicht so ist. Es ist mir aufgegangen durch einen Menschen, der gerade diese Schriftstelle durch das menschliche Wort vom Herzen mir hat menschlich werden lassen. Ja, lesen wir die Formel des gegenseitigen Ineinander nocheinmal neu, indem wir in sie dieses Wort „Herz“ einsetzen.

Jesus ist das Herz Gottes. Gott hat ein Herz [54] für uns, und in Jesus exponiert er dieses Herz, öffnet er dieses Herz, zeigt und schenkt er es uns, schüttet er dieses Herz in uns hinein aus, verschwendet er an uns dieses Herz. In Jesus zeigt er uns: Ich habe euch in meinem Herzen. Denn Jesus ist in ihm, und er hat uns in seinem Herzen. Wir sind in ihm, um uns dreht sich sein Leben.

Und wir, wir dürfen sein Herz haben füreinander und für die anderen. Wird so das Leben nicht ganz groß und ganz einfach zugleich? Was wir auf dem Herzen haben, was unser Herz erfüllt und bedrückt, braucht nicht mehr einsam in uns selber zu bleiben, wir brauchen unsere eigene Last nicht mehr für uns allein zu tragen. Was wir im Herzen haben, dürfen wir ihm ins Herz geben. Alles, was uns belastet und erfüllt ist in ihm, ist in seinem Herzen. Er hat uns unser Herz sozusagen „abgenommen“, besser gesagt: er hat unser Herz angenommen. Und so sind wir frei, sein Herz, das Herz Gottes zu haben. Jenes Herz, in dem das Ja, in dem die Liebe, die Hoffnung, die Zuversicht, die Offenheit, die Freude, der Mut, die Zuneigung, die Vergebung, die Barmherzigkeit wohnt. Sein Herz in uns – wir sein Herz für die Welt.

 



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