Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[34] Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen

Die Auferstehung Jesu ist von Grund auf etwas anderes als die Totenerweckungen des Alten Testamentes oder auch jene, die Jesus gewirkt hat, etwa an Lazarus. Zwar erweist sich auch an diesen Gottes Macht über den Tod; aber das Leben, das in ihnen geschenkt wird, ist die Fortsetzung des früheren Lebens, die Rückkehr ins Bisherige, Gewohnte. Jesus aber setzt an Ostern nicht sein Leben vor der Kreuzigung fort, nur mit anderen Mitteln und zu anderen Bedingungen. Was an Ostern ihm und uns geschenkt wird, ist neues Leben.

Daran müssen sich auch alle Deutungen von Auferstehung messen lassen. Es griffe zu kurz, wollte man nur die Linie, die im Tod Jesu abbrach, nach drei Tagen weiterlaufen sehen ins Endlose hinein. Es griffe aber auch zu kurz, Auf- [35]erstehung zu spiritualisieren, sie als bloßes Symbol dafür zu nehmen, daß das Ewige, Edle, Hohe im Menschen durch den Tod nicht zerstört werden könne. Und nochmals griffe es zu kurz, Auferstehung nur daraufhin festzulegen, daß die Sache Jesu, das, was er gemeint und gebracht hat, durch uns in Raum und Zeit weitergehe.

 

Jesu neue Dimension

Die österliche Begegnung mit Jesus ist neue, andere Begegnung. Er ist derselbe. Er bringt nicht nur etwas von sich, sondern sich selbst, seine Leibhaftigkeit, sein ganzes Dasein in diese Begegnung ein. Aber er selbst steht in einer neuen Dimension.

Bleiben wir bei diesem Bild von der Dimension. Sowenig wie aus einer Linie, indem ich sie weiterziehe, eine Fläche wird oder aus der Fläche allein der Durchstoß gelingt in den Raum, so wenig bedeuten Auferstehung und auferstandenes Leben Jesu bloß ein Weiterlaufen seines Lebens oder seines Werkes über seinen Tod hinaus. [36] Von oben, von anderswoher bricht auf einmal das Neue, das Andere ein.

Wir finden in der Schrift ein Schlüsselwort für diese neue Dimension, das Wort Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit ist nicht ein rauschendes Finale, nicht ein alles überblendender Lichteffekt. Sie ist vielmehr das Eigenste und Innerste Gottes selbst, jene Kraft Gottes, in welcher sein Wesen durchbricht über sich hinaus, aufstrahlt über sich hinaus.

Und nun geschieht in Jesus eben dies: die Herrlichkeit Gottes wird zu seiner Herrlichkeit. Das Eigenste Gottes wird offenbar als das Eigenste Jesu. Indem aber Jesus in der Herrlichkeit Gottes steht, fällt diese Herrlichkeit Gottes auf unsere Wirklichkeit, auf das, was wir sind, in der Sprache der Schrift: auf unser Fleisch.

Daher ist die österliche Herrlichkeit Aussage über Gott, Aussage über Jesus und Aussage über uns. Über Gott ist gesagt, er ist so groß, daß er über sich hinausstrahlt, daß er sein Innerstes und sein Eigenstes über sich hinausgibt, daß er sich seinem anderen gönnt. Über Jesus ist gesagt, daß er in der Sphäre Gottes innesteht, daß er zu Gott hinzugehört, daß er im Herzen Gottes seinen Ur- [37]sprung und sein Ziel, seinen Ort in alle Ewigkeit hat. Und über uns ist gesagt, daß Menschsein dazu bestimmt ist, an der Herrlichkeit Gottes in Jesus teilzuhaben, daß der Mensch zum Bild Gottes, ja nicht nur zu seinem Bild, sondern zur innigsten Gemeinschaft mit ihm erschaffen ist. Aus der neuen Perspektive der Herrlichkeit sieht sich auch das Leben Jesu insgesamt neu und anders an. Die Biographie Jesu, wenn wir so sagen dürfen, lautet nun nicht mehr: Da ist einer geboren worden, hat Ungewöhnliches gesagt und getan, dann ist er gestorben, aber dann ist es dennoch weitergegangen mit ihm. Nein, in diesem neuen Licht heißt die Biographie Jesu: „Das Wort ist Fleisch geworden. Es hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1, 14). Das Wort, das bei Gott und das Gott selber ist, kommt in unser Fleisch, es wird unser Fleisch. Und es schlägt sein Zelt, seine Wohnung unter uns auf. Hier lebt es in unserer Mitte, hier teilt es unser Leben, ist ganz und gar einer von uns und bringt in unser Leben das Leben Gottes selber ein. Das fleischgewordene Wort verschenkt sich an uns, verschenkt sein eigenes Leben an uns bis zum Tod.

[38] Doch gerade indem dieses fleischgewordene Wort sich ganz und gar hineinstellt in unser Geschick, bis zum Verstummen des Todes und bis zur äußersten Fraglichkeit, bricht seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit Gottes auf, die Macht Gottes, die dieses Wort als sein Wort bestätigt und die zugleich alles, auch das Rätselhafte und auch das Schweigen, das Unverständliche in unserem Leben, im Leben der Welt einholt, hineinholt in das Wort und in seine Herrlichkeit.

 

Der Vater verherrlicht den Sohn, der Sohn verherrlicht den Vater

Ausdrücke wie Worte und Herrlichkeit im Blick auf Jesus machen fürs erste uns Heutigen etwas zu schaffen. Wir schauen Gott und seine Wahrheit lieber im unmittelbar Menschlichen an. Und mehr als solche großen, bildhaften Begriffe und Symbole sagen uns die menschlichen Haltungen und Handlungen unseres Bruders Jesus. Dennoch sollten wir nicht darauf verzichten, von diesen menschlichen Handlungen und [39] Haltungen her die großen Worte und Zeichen der Schrift für uns neu zum Sprechen kommen zu lassen.

Jesus ist Wort des Vaters: heißt das nicht einfach, daß in seinem Fordern und Rufen, in seinem Verzeihen und Heilen, in seiner Hingabe und seinem Verstummen, in seiner Gelassenheit und seiner Leidenschaft, in seinem Sterben und Auferstehen uns etwas, ja alles von Gott gesagt ist, ja daß darin Gott sich uns selber ganz und gar zu- und ausspricht? Gott hat nichts anderes zu sagen, als was wir an Jesus ablesen können.

Und genauso dynamisch wie dieses Wort vom „Wort“, genauso geschehend und beschenkend können wir auch das andere erfahren, jenes, was in der österlichen Formel von der „Herrlichkeit“ uns gesagt ist. Im Johannesevangelium spielt eine beinahe noch größere Rolle als das Wort Herrlichkeit das Zeitwort „verherrlichen“. Das ganze Leben Jesu wird dort vorgestellt als die eine und einzige Bewegung, in welcher der Sohn den Vater verherrlicht. Und die andere Seite derselben Bewegung: der Vater verherrlicht den Sohn. Nicht der Sohn nimmt sich selber die [40] Herrlichkeit, sondern er läßt sich vom Vater alles schenken, die Verherrlichung des Sohnes ist ganz und ausschließlich Tat des Vaters.

Wie können wir das verstehen? Wir alle streben nach etwas wie Herrlichkeit, will sagen nach Glanz, nach Strahlkraft, nach Geltung, nach Reichweite unseres eigenen Wesens über uns selbst hinaus, nach „Ankommen“ bei den Mitmenschen, in der Öffentlichkeit. Der Mensch braucht, so scheint es, diesen Umkreis, diesen Strahlenkranz, diese Peripherie, in welcher er sich selber als Mitte wohlzufühlen vermag.

Aber da setzt doch auch die Not ein. Wenn ich meine Herrlichkeit suche, wenn ich mich zur Geltung bringen will, dann fange ich bereits an, mich um mich selber zu drehen und so insgeheim mich in mir selber zu verschließen. Ich konzentriere alles auf mich, und im Streben danach, Mittelpunkt zu sein, gerate ich entweder in Konflikt oder in Isolation, allenfalls kommt es zum Kompromiß einer halben oder weniger als halben Herrlichkeit, die ich mit meinen Rivalen recht und schlecht zu teilen habe.

Doch da setzt Jesu Leben das Gegenmodell. Ihm geht es nicht um sich selbst, er sucht nicht [41] sich selbst, er will nicht der Mittelpunkt sein. Sondern Mittelpunkt ist ihm ein anderer, der Vater. Den Vater groß sein lassen, den Willen des Vaters zur Geltung bringen, aus diesem Willen des Vaters leben Stunde für Stunde und Augenblick für Augenblick, das ist der Inhalt seines Daseins. In Jesus ist das Ringen um die Selbst-bestätigung, das Durchziehenwollen der eigenen Lebenslinie um jeden Preis abgebrochen und verwandelt in die Hingabe, die alles einem anderen, alles dem Vater überläßt. Er lebt nicht für sich, sondern für ihn. Und dies bis zur äußersten Tiefe, bis zum stummen, nicht mehr begreifenden Gehorsam am Ölberg und am Kreuz. Er gibt sich in das Schweigen des Vaters hinein. Nur du, nur was du willst, nicht was ich will!

Und genau dort, wo die ganze Torheit, die ganze Ohnmacht, die ganze Absurdität dieses Von-sich-selber-Wegseins, dieses Verzichtes auf die Herrlichkeit, dieses Daseins nur für die an-deren offenbar wird, am Kreuz, wo dieses Verherrlichen das unbedingte Ausmaß des Todes-gehorsams annimmt, in welchem Jesus und der Vater zugleich zu verschwinden drohen: gerade dort wird offenbar, daß auch die Gegenbewe- [42]gung eine unendliche, unbedingte ist. Der Vater verherrlicht ihn. Auf dem Antlitz des Getöteten erscheint die Herrlichkeit Gottes.

Ostern bestätigt es: Das ganze Leben Jesu ist nicht nur der Weg des Sohnes zum Vater, sondern auch der Weg des Vaters zum Sohn und mit dem Sohn. Auch wenn der Vater den Sohn in den Tod schickt, schickt er ihn dorthin, wo er, der Sohn, selbst „Vater der neuen Schöpfung“ wird, wo er selbst aus dem Nullpunkt der absoluten Niedrigkeit in seinem Ja und Du dem Vater den Anfang einer neuen, erlösten Menschheit schenkt. Denn in der äußersten Niedrigkeit des Sohnes ist alles Niedere, alles Dunkle, alles Gegengöttliche hineingenommen ins Leben Gottes, hineingenommen in die Lebensbewegung des Sohnes zum Vater hin, in die verherrlichende Hingabe. Und so ist es zugleich fähig, Ausdruck der Liebe Gottes und Stätte seiner Herrlichkeit zu werden.

In der selbstlosen Hingabe Jesu, in seinem grenzenlosen Verherrlichen wird offenbar, wer der Vater ist: Er selber ist Verherrlichen, er selber ist Sich-Weggeben, Sich-Wenden über sich selbst hinaus, Sich-Verschenken. In diesem Wi- [43]derspiel von Verherrlichen und Verherrlicht-werden zwischen Vater und Sohn im einen Geist geht die neue Wirklichkeit, die endgültige Wahrheit Gottes auf. Weder die egoistische Einsamkeit, die alles auf sich zentriert, noch die tragische Einsamkeit, die heroisch alles leistet, ist göttliches Grundmaß des Menschen, sondern die Gemeinschaft, in welcher das gegenseitige Du-Sagen der Liebe gilt, in welcher der eine den anderen groß sein läßt. Dies ist das Leben Gottes selbst, und dies ist zugleich das Leben des Menschen.

 

Die einzige Herrlichkeit: Herrlichkeit der Liebe

Daß an Ostern jener, der den Vater verherrlicht hat im Gehorsam bis zum Tod, vom Vater verherrlicht wird, ist so die wahre Befreiung des Menschen von sich selbst. Die Herrlichkeit des fleischgewordenen Wortes ist die Verherrlichung des Menschen, jene Verherrlichung, die nur in der Dynamik Jesu, in der Dynamik seines Verherrlichens und Verherrlichtwerdens Ge- [44]stalt gewinnt. In Jesus ist unser Leben erlöst von der Eindimensionalität, von der Gebundenheit an sich, von der Notwendigkeit, nur sich zu suchen und durchzusetzen. Denn ein anderer ist es, der uns sucht, uns erfüllt, uns bestätigt, ein anderer, der uns seinen Glanz und seine Herrlichkeit schenkt.

Wir sind davon befreit, andauernd nur uns selbst suchen zu müssen, befreit von der Angst, daß alles aus sei, wenn wir uns verschenken und verschwenden. Wir sind befreit vom Gebanntsein an uns, vom Kreisen um uns. Wir kennen die neue Dimension, in der wir Du sagen dürfen zu Gott, Du zueinander, gerade auch dort, wo wir verstummen wollen, wo der Sinn und das Wort uns auszugehen drohen. Überall und in allem wissen wir, daß Gott Du zu uns sagt, daß er uns einholt, uns trägt, uns an seinem Leben teilgibt.

Die Liebe hat recht, das Sich-Hingeben hat recht, das Sich-Verschwenden hat recht. Denn Gott ist Liebe, Gott ist Sich-Verschwenden, Gott ist Sich-Verschenken. Wer seine Herrlichkeit sieht, die Herrlichkeit der Liebe, der kann glauben. Und nur wer die Herrlichkeit der Liebe sieht, hat die Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz [45] Jesu gesehen. Wir dürfen diese Herrlichkeit sehen und dürfen in ihr unser eigenes Leben neu sehen.

Die Welt allerdings wird nur dann glauben, daß das Wort Fleisch geworden ist, wenn sie auch das andere Wort des Johannesevangeliums sagen kann: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Seine Herrlichkeit aber soll sie sehen an uns, soll sie sehen, indem wir unsere Selbstbestätigung verwandeln lassen ins Sich-Schenken. Es gibt keine andere Herrlichkeit als die Herrlichkeit der Liebe. Diese Liebe und ihre Herrlichkeit sind wir der Welt schuldig, damit auch für sie Ostern werden kann.

 



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