Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[24] Karfreitag: Das Wort wird Schweigen

Der Schrei, mit dem Jesus seinen Geist aufgibt, nimmt sein Werk und sein Wort, nimmt sein Leben zurück ins Schweigen, aus dem er gekommen ist. Über dem Leben Jesu steht der Satz des Johannesevangeliums: Das Wort ist Fleisch geworden. Und das ist die letzte Konsequenz dieses Satzes: Das Wort ist Schweigen geworden. Aber ist diese Konsequenz nicht schrecklich?

Gewiß, das Wort wollte nicht bei sich bleiben, sondern dahin kommen, wo wir sind, es wollte dort verlauten, wo wir es vernehmen können. Es hat sich zu uns herbegeben, in unsere kleinen Verhältnisse; es ist das Risiko eingegangen, mißverständlich zu werden, indem es sich ausgeliefert hat an unsere menschlichen Worte und an unser menschliches Verstehen. Aber wenn das Wort verstummt, was will es dann noch sagen? Was sollen wir dann noch vernehmen?

 

[25] Suche nach dem Wort

Menschliches Leben ist Suche nach dem Wort. Nicht nach den vielen Worten, die uns verwirren wie die Angebote auf dem Markt, von denen jedes sich selber anpreist, und wir greifen ein bißchen doch nur auf gut Glück zu, weil wir nicht so genau zu unterscheiden vermögen. Nein, wir suchen das eine Wort, jenes Wort, das alles sammelt und klärt, das allem seinen einen, bergenden Sinn zuspricht, das uns Orientierung, Halt und Richtung verleiht. Ein Wort, das den Zusammenhang stiftet, den wir so oft vermissen zwischen den hundert Rollen, die wir zu spielen haben, den hundert Erfahrungen, die wir zu bewältigen haben, den hundert Ansprüchen, die auf uns einstürmen.

Doch wenn wir das Wort suchen, so suchen wir im Grunde noch mehr. Es genügt uns nicht, daß wir eine Betriebsanweisung zur Hand haben, wie man mit dieser Welt und mit diesem Leben umgehen kann. Es genügt uns nicht, daß wir hinter die Kulissen schauen und wissen, wie das Ganze abläuft. Bescheidwissen ist uns zu wenig. Wir suchen das Wort, das heißt doch: ein [26] Wort, das uns anredet, ein Wort, das uns meint, ein Wort, in dem wir selber drinnen sind.

Dieses Wort könnte uns selber wieder aus unserer Sprachlosigkeit befreien, dieses Wort könnte uns selber wieder zum Reden bringen, zu jenem Reden, das kein bloßes Gerede ist, zu jenem Reden, in dem wir ich und du zu sagen vermögen, jene beiden Worte, die wie leere Hülsen geworden sind, nicht mehr enthaltend, was sie meinen.

Und gerade bei dieser Suche nach dem Wort stoßen wir auf Jesus. Hier haben wir einen gefunden, der den Namen verdient: das Wort. Er hat unsere sprachlosen Erfahrungen hell gemacht, hat uns gelehrt, „Abba, lieber Vater“ zu sagen, auch wo wir ratlos und verständnislos vor den Rätseln und Dunkelheiten des Daseins stehen. Er hat uns gelehrt, Brüder zu sehen, wo wir Rivalen oder Fremde sahen, die uns nichts angehen. Er hat uns Worte geschenkt, die Leben in sich bergen, er hat Taten gewirkt, die den Anfang eines ewigen Lebens, eines Lebens ohne Grenze hineinsprechen in unser Vergehen.

 

[27] Gottes Wort wird Schweigen – Gottes Schweigen wird Wort

Doch nun wird er, das Wort, selbst zum Schweigen. Hat die Macht, die vernichtet, also doch mehr Recht als die Liebe, die er uns gelehrt hat? Ist die Endlichkeit, ist der Verfall doch stärker als jenes Leben, von dem er kündet? Hat Gott die Zeichen selber ausgelöscht, die er als Lichter der Hoffnung angesteckt hat in Jesu Beispiel, in seinen Worten, in seinen Machttaten? Bricht nicht alles Warum für den wieder auf, der den Warum-Schrei Jesu am Kreuz hören muß? Alles ist eingetaucht in ein letztes Schweigen, und jedes deutende Wort muß verstummen.

Das Schweigen dieses Wortes ist nicht nur das Schweigen eines Menschen. Es ist nicht nur das Schweigen Jesu, über dem und in das Gott doch sprechen, sein Wort verlauten lassen könnte. Nein, Gott selber schweigt im Schweigen Jesu. Karfreitag ist die Stunde des Schweigens Gottes, jene Stunde, in welcher das Schweigen Gottes aus allen Jahrtausenden sich verdichtet und wie zur letzten, endgültigen Aussage über ihn zu werden droht: er ist das Entzogene, er gibt keine Antwort.

[28] Für Jesus selbst ist das Schweigen des Vaters die letzte Erfahrung, die er mit Gott macht in seinem Leben. Er trat seinen Weg an im Gehorsam gegen den Vater. Er ging diesen Weg in der Zuversicht, daß der ihn nicht verläßt, der ihm das Äußerste zumutet. Und doch, von ihm muß er den Kelch annehmen und ihn bis zur Neige trinken, von ihm muß er es annehmen, daß jene, die der Vater ihm gegeben hat, ihn verlassen in der entscheidenden Stunde, von ihm muß er annehmen, daß er selbst in der letzten Stunde der Verlassene, der Warum-Rufende ist. Der Vater, den er verkündet, den er den anderen schenkt, läßt ihn im Schweigen und schweigt über ihm.

Das Schweigen Gottes am Karfreitag überbietet noch die schweren Stunden der Propheten, der Gottestreuen des Alten Bundes. Auch sie wurden durch die Krise hindurchgeführt; aber die Krise blieb Durchgang. Jesus aber wird nicht vom Kreuz geholt, Jesus stirbt. Das Schweigen Gottes bleibt, und dieses Schweigen wird auch durch Ostern nicht ausradiert. Gottes Schweigen ist nicht eine Episode für nur drei Tage, und dann kommen die Jahrtausende, in denen Gottes Wort wieder klar, deutlich und selbstver- [29]ständlich klänge. In Ostern ist zwar der Karfreitag überholt, aber zu Ostern, in Ostern hinein gehört für immer das Schweigen des Karfreitags. Das Wort ist Schweigen geworden. Und nur wer dieses Schweigen versteht, versteht das Wort.

Das Wort ist Schweigen geworden. Aber dieses Schweigen ist „gesagt“ vom Wort. Es ist die Daseinsweise des Wortes, es ist der Zusammenklang zwischen dem, wie Gott ist, und dem, wie Jesus ist, und dem, wie wir sind, wie die Welt ist. In diesem Schweigen geht das Innerste Gottes, das Innerste Jesu, und geht zugleich unser Innerstes und das Innerste der Welt auf. Hier allein klingen Gott und Welt, Himmel und Erde zusammen. Aus dem Geist, den Jesus sterbend dahingibt, dürfen wir erkennen: Nicht nur ist das Wort Schweigen geworden, sondern auch umgekehrt ist das Schweigen Wort geworden.

Gott hat sein Wort nicht deshalb ins Fleisch gesandt, daß wir dieses Wort ein bißchen näher hätten, um es besser hören und verstehen zu können. Die Menschwerdung ist keine Verringerung der Distanz zwischen Gott und dem Menschen auf erträgliche, freundliche Rufweite. Gott macht nicht einen Freundschaftsbesuch auf [30] Erden, um sich nachher wieder in seinen eigenen Bereich zurückzuziehen. Die Fleischwerdung des Wortes meint etwas anderes: Gott selbst ist so, daß er Sich-Geben, Sich-Entäußern, Sich-Verschenken ist. Und weil Gott so ist, deswegen ist sein Wort so, daß es sich bis ganz dorthin begibt, wo wir sind, daß es sich ganz auf das einläßt, was wir sind. Gott operiert nicht die Dunkelheiten und Unverständlichkeiten unseres eigenen Daseins hinweg, er teilt sie, er macht sie sich zu eigen bis zum letzten.

Und das ist nur glaubhaft, weil das Wort selbst Schweigen geworden ist. Gott spricht sich in den äußersten Gegensatz, in die äußerste Entfernung zu sich selbst hinein – und aus dieser äußersten Entfernung, aus diesem äußersten Gegensatz antwortet Gott selber Gott. Alle Erfahrungen, die wir machen können, alle Abgründe, in die wir versinken können, alles Dunkel, das wir erleiden können, alle Schuld gar, die wir auf uns laden können, sind umfangen von der Liebe Gottes, die sich ganz uns zuspricht bis ins tiefste Schweigen und die in diesem Schweigen zur Antwort wird, zur Antwort Gottes an uns und zu unserer Antwort an Gott.

 

[31] Gottes Schweigen – unsere Berufung

Wer nur eine griffige Formel sucht, um am Ende doch alles verstehen und erklären zu können, der wird sich auf die Dauer mit solcher Antwort freilich nicht zufriedengeben. Ihr wird das lastende Warum bleiben, er wird die Botschaft des Karfreitags als einen Trick mißdeuten, um Gott die Schrecklichkeiten der Weltgeschichte nicht anlasten zu müssen. Wer aber das ganze Wort sucht, das eben nicht bloß Erklärung ist, sondern Anrede, der wird sich vom Schweigen Gottes im Schweigen Jesu angesprochen finden.

Er wird erkennen, daß Gott hier sein ganz persönliches Du zu ihm sagt. Er erfährt, daß Gott mehr ist als ein Weltingenieur. Er entdeckt aber auch, daß der Mensch, daß er selber mehr ist als einer, der alles erklärend bewältigen und bescheidwissend in seiner Hand haben kann. Er findet sich herausgefordert von der äußersten Herausforderung Gottes, herausgefordert in jene Tiefe schweigenden Daseins, in welcher allein der Mensch wahrhaft Mensch ist. Gott ist Gott, wo sein Schweigen am Karfreitag uns etwas zu sagen hat, und der Mensch ist Mensch, wo er [32] den Mut hat, vor diesem Schweigen Gottes am Karfreitag selber schweigend stehen zu bleiben.

Karfreitag ist also eine Provokation. Wir dürfen uns nicht mehr damit zufriedengeben, bloß „Lösungen“ zu suchen, Formeln zu suchen, mit dem Leben fertigwerden zu wollen. Wir müssen vielmehr den Mut haben zu dem, was wir sind, zum Leben mit all seinen Rätseln, mit all seiner Ohnmacht, mit all seiner Endlichkeit. Wir müssen uns hineinstellen in dieses Leben, wie es ist, in dieses Leben bis zum Tod, bis zum Warum, bis zum Verstummen. Aber dann lebt einer mit und stirbt einer mit, dann spricht einer mit und schweigt einer mit. Und sein Schweigen ist das Wort, das klärt und gutmacht, weil dieses Schweigen uns nicht allein läßt, sondern weil in diesem Schweigen jene Liebe ihr Wort hat, die Gott selber ist.

Aber dieses Schweigen läßt sich nicht bloß dankbar zur Kenntnis nehmen. Dieses Schweigen will in uns selber Fleisch werden. Dieses Schweigen will unser eigenes Wort, der Ausdruck unseres eigenen Daseins werden. Alles, was in unserem Leben stumm und ratlos ist, alles, was uns am Ende sein läßt, alles, bei dem [33] wir uns nicht mehr auskennen, bei dem unser Können und Mögen zerbricht, alles das will auch in uns zum schweigenden Wort der Liebe werden, zum schweigenden Wort der Liebe vor Gott und füreinander.

Alles, was unverständlich ist, was sich nicht klärt und nicht löst, alles, was keine Antwort findet, was wir nicht bestehen können, ist Anruf Jesu, ist Begegnung mit Jesus, Begegnung mit dem Wort, das Schweigen geworden ist. Wir dürfen allem dem den Namen Jesus geben, wir dürfen überall dort kommunizieren mit ihm.

Und in solcher Kommunion werden wir offen über uns selbst hinaus, offen zum Vater, offen für die Brüder. In uns wird das Schweigen der Welt und das Schweigen Gottes zum Wort. In unserem Schweigen, in unserem Annehmen, in unserem Nicht-mehr-Können wird sich das Schweigen Gottes enthüllen als die Solidarität Gottes mit den Menschen und mit der Welt. Deshalb ist der Karfreitag an Ostern nicht zu Ende, deshalb gehört der Karfreitag über Ostern hinaus in unser Leben: Wir dürfen das Schweigen Gottes sein und in solchem Schweigen sein Wort für die Welt.

 



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