Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[11] Weihnachten: Das Wort wird Fleisch

Es ist beinahe ärgerlich: eine solche Spannweite geschichtlicher Menschheitserfahrung, eine solche Fülle von Zeugnissen sich ablösender Kulturen, überwältigender Ausdruck auch der immer neuen Anläufe menschlichen Mühens ums Geheimnis, ums Heilige, um Gott  und dazwischen dieser winzige Punkt des Lebens Jesu, diese beinahe spurlos verwischte Spanne der dreißig Jahre. Das kann einen überkommen, wenn man Israel besucht, wenn man das Heilige Land erfährt, und es ist gut, dieses Ärgernis zu verspüren. Denn dann kann einen auch neu der Anspruch der Botschaft betreffen: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Nun, man kann auch hier, in unserer Alltagswelt, eine ähnliche Erfahrung machen. Ist es nicht immer wieder schockierend, wieviel Ange- [12]bote von Ideen, von Heilslehren uns umdrängen  und da soll diese eine, kleine, manchmal so harmlos wirkende, manchmal so ungeheuerlich klingende, manchmal so weit weggerückte, manchmal so ins Selbstverständliche aufgelöste Botschaft des Christlichen die Wahrheit, die Antwort sein, über die hinaus es keine andere Wahrheit und keine andere Antwort gibt?

Dennoch, gerade dies ist die Botschaft, die uns „umwerfen“, die Botschaft, die uns zugleich aufrichten kann, die Botschaft, die den Menschen unendlich übersteigt und doch sein Innerstes erreicht, die Botschaft, die ihn identifiziert und herausfordert in einem: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Versuchen wir in drei Anläufen, uns dieser Botschaft anzunähern, sie wieder zur Botschaft für uns werden zu lassen.

 

[13] Gott ist der für uns

Der erste Anlauf: Stehen wir selbst in unserer Welt, in unserer Geschichte nicht so ähnlich da, wie dieses winzige Leben Jesu sich angesichts der Geschichte und Kultur der ganzen Menschheit in der Heilig-Land-Erfahrung ausnimmt? Sind nicht auch wir die Verschwindenden, die Erdrückten, die Relativierten, so daß wir kaum den Mut aufbringen, wir selber zu sein? Heute, da die ganze Geschichte vor uns offenliegt, heute, da wir unser eigenes Dasein vor den Augen der ganzen Welt zu leben haben, drückt uns dies besonders. Wir erleben so hart wie kaum eine Generation zuvor die Verlorenheit, die Isolierung, die Einsamkeit des einzelnen.

Und was steckt hinter dieser Erfahrung? Zutiefst wohl dies, daß wir den Eindruck haben: Für mich interessiert sich doch keiner. Das, was mich wirklich angeht, was mich bewegt, worum es mir zu tun wäre, läßt die anderen kalt. An meinem Innersten strömt der Strom des Lebens, seiner Interessen und Funktionen vorbei, und ich bleibe im toten Winkel. Gewiß, alle jene, die Anklang finden wollen, alle, die mich umwerben, [14] alle die wollen, daß ich ihnen ihre Ware, ihre Überzeugung, ihre Politik abkaufe, versuchen, diesen Eindruck zu zerstreuen.

Man sagt: Gerade für dich bin ich da, gerade deine Situation interessiert mich, gerade das, worum es dir geht, ist bei mir aufgehoben. Aber solches Interesse „für mich privat“, das dann doch nur ausgenutzt wird für irgendein wirtschaftliches oder gesellschaftliches Ziel, steigert am Ende nur jene geheime Enttäuschung, jene verborgene Hoffnungslosigkeit, die dabei bleibt: Mit mir ist nichts, ich bin uninteressant, ungeborgen, ich verklinge ohne Widerhall im Lärm der Welt.

Das Wort ist Fleisch geworden, das aber heißt: Hier interessiert sich einer für uns, der nichts davon hat. Gott hat alles, und wenn er Mensch wird, so hat er nichts davon. Er wird Mensch nur für uns. Gottes Interesse für uns teilt nicht nur freundliche Geschenke aus, während er selbst in Distanz bleibt, sondern sein Interesse für uns treibt ihn hinein in unsere Situation. Er kommt dorthin, wo wir sind, er steigt ein in unser Leben. Das Wort, das bei Gott ist und Gott selbst ist, wird, was wir sind, wird Fleisch. Er [15] interessiert sich mit sich selber, mit seinem Innersten für uns, so sehr, daß er sich für uns aufs Spiel setzt.

Wenn die Grundbotschaft des Christentums heißt: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, dann ist dieses Interesse Gottes an uns in der Tat die innerste Mitte des Christseins. Dann aber wird das Leben insgesamt anders. Dann ist der Mensch unendlich kostbar geworden, dann gewinnt er  ohne den Krampf einer Selbstüberhebung ins Titanische  göttliche Dimension. Er bleibt auf dem Boden, er bleibt dieser Arme und Relative, er bleibt dieser Endliche  aber seine eigene Endlichkeit und Relativität werden zum Lebensraum Gottes, zum Raum dessen, der ihn unendlich liebt.

Wir sprachen vom Wir, sprachen von dem Menschen. Aber die Menschwerdung Gottes, die Fleischwerdung des Wortes bleibt nicht im bloß Allgemeinen, bleibt nicht im bloß Kollektiven. Fraglos, wir alle gehören zusammen, weil Gott zu uns gehört in Jesus Christus. Doch diese neue Gemeinschaft, die er stiftet, dieses neue Wir der Menschheit löscht gerade das Ich nicht aus, sondern schenkt ihm seinen unendlichen Wert.

[16] Die Schrift kennt nicht allein jenes umgreifende „Für uns“; nein, wie Paulus es erfahren hat, so gilt es für jeden einzelnen: „Was ich noch zu leben habe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat“ (Gal 2, 20).

Das „Für mich“ ist der Brennpunkt des Interesses Gottes. Und dies verschließt mich nicht in mir selbst, im Gegenteil, es reißt mich aus mir heraus, es führt mich aus dem Gefängnis heraus, in dem ich vermauert bin. Ich werde von der Dynamik dieses Daseins Gottes für mich hinausgetragen über alle Rotation um mich selber, ich werde geöffnet in die universale Dimension des „Für die anderen“, des „Für alle“. Befreiung zu mir und Befreiung von mir sind die beiden Strophen des einen Heiles, der einen Erlösung, die uns darin angesagt ist, daß das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat.

 

[17] Gott ist der unter uns

Ein zweiter Anlauf: Der Atem der Jahrtausende, der hinweggeht über das winzige einzelne und seine Spuren verweht, dagegen die unersetzbare Kostbarkeit dieses einzelnen und seiner uns über Jahrtausende hin anschauenden Spur — das sind die beiden Dimensionen, deren Spannung man erfährt, wo man Geschichte erfährt wie in Israel und wo man im Horizont dieser Geschichte den Anspruch des Christlichen erfährt. Der Sinn des Ganzen, die Wahrheit des Ganzen, jenes, was hinter den ungezählten Figuren, Andeutungen und Versuchen der Menschheitsgeschichte steckt, soll hier, soll in diesem konkreten Leben Jesu eingelöst, zusammengefaßt, in seine Antwort und in seinen Sinn eingeborgen sein? Die Ausdrücke „Wort“ und „Fleisch“, die in unserer Formel spielen, verlieren hier ihre abstrakte Dürre, sie gewinnen die Kontur unseres gelebten Lebens.

Wort und Fleisch sind Signale für die beiden Richtungen, in welche unser Leben drängt und die dieses Leben zusammenzubinden versucht, ohne daß wir die Synthese schaffen. Wort und [18] Fleisch, das meint nicht eigentlich Geist und Leib. Wort meint Sinn, Tiefe, Überblick; Fleisch meint handgreifliche Wirklichkeit, unmittelbare Erfahrbarkeit, Macht und Nähe des Konkreten. Wir wollen verstehen, wir wollen Einsicht, wir wollen Sammlung, kurzum: wir suchen das Wort, das die vielen Buchstaben eint in den einen Sinn. Aber zugleich wollen wir Realität; wir sind in die Welt gewiesen und wollen die Welt gestalten, wollen in ihr uns bewähren und erfüllen. Sinnfindung und Weltbewältigung stehen in Konkurrenz zueinander. Wir wollen beides, aber das eine zieht uns immer wieder vom anderen hinweg.

Wie beides zusammengehört, das dürfen wir ablesen an der Botschaft, daß das Wort Fleisch geworden ist. Christentum ist nicht Rückzug in die Welt des Wortes, in ein Darüber, das sich von der Wirklichkeit nicht anfechten ließe, in einen Ideenhimmel, der sich sorglos über die Einzelheiten und Alltäglichkeiten spannt. Christentum ist aber auch nicht Aufgehen in Praxis, Geschichte, Gesellschaft, weder Macht und Erfolg mit allen Mitteln, noch Verherrlichung der Machtlosigkeit und Erfolglosigkeit.

[19] Wort und Fleisch treten in Beziehung zueinander, haben miteinander zu tun — und dies nicht im Sinn eines bloßen Aufstiegs, als ob Welt und Geschichte sich von innen her zum immer Höheren und Besseren, zum Wort entwickelten, oder umgekehrt im Sinn eines Abstiegs, in welchem ein innergöttliches Gesetz notwendig von der Idee zu deren Realisierung und Vollendung führte.

Nein, in einer Tat, in einem Willen, in einem Entschluß geschieht diese Beziehung: das Wort wird Fleisch. Das Wort, das in Gott ist und das Gott selber ist, wird vom Vater gesandt, entschließt sich, aus Liebe, zum Dasein mit uns und unter uns, nimmt die Wirklichkeit dieser Welt in allen ihren Schichten und Dimensionen an, erniedrigt und entäußert sich bis zum letzten.

Wer das Wort, wer den Sinn, wer die Wahrheit, wer die Tiefe sucht, der muß sich nicht zurückziehen von der Wirklichkeit. Es genügt aber auch nicht, sie bloß zu analysieren. Wer das Wort sucht, der trifft es an in unserem Fleisch, er trifft es an im liebenden, leidenden, geschundenen, getöteten und verklärten Antlitz Jesu. Das Wort, der Sinn von allem ist dies: daß Liebe [20] ist und daß Liebe recht hat, mehr recht hat als alles, Liebe, die sich entäußert, Liebe, der nichts zuviel ist.

Mitten in unserer Alltäglichkeit, mitten in unserer Welt begegnet uns der, welcher das Wort ist. Gott kommt dort auf mich zu, Gott gibt mir dort die Sinnantwort, wo ich stehe, wo ich lebe. Das Interesse Gottes für mich ist keine bloße Theorie. Es ist ein Leben in meinem Leben und für mein Leben. Deswegen sind die Schwierigkeiten, die mir in meinem Leben begegnen: sein Kreuz. Deswegen ist der Nächste, der neben mir steht: er selbst; ihm begegne ich im geringsten Bruder. Deswegen ist die menschlich-allzumenschliche Gemeinschaft von Kirche seine Gemeinschaft, in der trotz allem er selber lebt und durch die Geschichte geht. Und deswegen ist das armselige Wort, das uns verkündet wird, dennoch sein Wort. Mitten in unserem Leben begegnen wir ihm, können wir uns einlassen auf ihn, weil er dort sich auf uns eingelassen hat.

 

[21] Gottes Ankunft geschieht immer neu

Ein dritter und letzter Anlauf: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Was das heißt, hat sein je anderes Gesicht in Jerusalem, wo Jesus gekreuzigt wurde und auferstanden ist, in Galiläa, wo er predigte und Wunder tat, in Bethlehem, wo das Ereignis seiner Ankunft geschah. Aber noch etwas gehört hinzu: Nazareth.

Die Initiative lag bei ihm, beim Wort. Das Entscheidende des Christlichen ist nicht, was wir tun, sondern was er tut, ja was er ein für allemal und unwiderruflich getan hat. Er ist gekommen, er ist Fleisch geworden, einer von uns. Aber er ist nicht gekommen ohne uns, er ist nicht gekommen ohne den Menschen. Das Wort wollte Fleisch werden, indem ein anderer Mensch ihm sein Wort gab, sein eigenes Leben, sein eigenes Fleisch als Raum für die Geschichte des Wortes einräumte. Daß Maria sagte „Mir geschehe nach deinem Wort“, war die Bedingung dafür, daß wir dieses Wort vernehmen, daß wir diesem fleischgewordenen Wort begegnen können.

[22] Und Mariens Ja steht nicht allein. Wer – es sei wiederum gestattet, an Israel zu erinnern – dieses Land durchwandert, der ist erschüttert von der jahrtausendealten Geschichte eines je neuen, mit unzähligen Klängen und Schattierungen gesprochenen Ja. Die Geschichte des Volkes Israel ist Geschichte des Ja zum immer neuen Ruf Gottes. Auf der Leiter dieses Ja geschieht der Abstieg des Wortes Gottes ins Fleisch der Menschheit.

Die Geschichte dieses Abstiegs, die Geschichte dieser Ankunft ist indessen noch nicht zu Ende. Fleischwerdung des Wortes, ein für allemal geschehen, will immer neu geschehen. Jeder einzelne von uns ist der Drehpunkt dieser Geschichte. In jedem einzelnen soll die Übersetzung vom „Für mich“ ins „Für alle“, „Für die anderen“ sich ereignen.

Christsein heißt gewiß zuerst an das Wort glauben, das Fleisch wurde. Dieser Glaube aber ist nur dann lebendig, wenn er sich nicht beschränkt auf das, was einmal war, was ein für allemal geschehen ist. Das Wort ergeht auch jetzt, das eine und selbe Wort. Durch alle Begegnungen und Erfahrungen, durch alle Situationen [23] und menschlichen Worte gilt es durchzuhören auf das Wort, statt steckenzubleiben bei Eindrücken, Sympathien, Ängsten, Berechnungen. Durchhören auf das Wort – und ihm unser Fleisch, unsere Kraft, unser Vertrauen, unseren Augenblick, unser Leben einräumen, damit es eben in uns Fleisch werden kann für andere: dann ist Weihnachten nicht nur Erinnerung, sondern Zeugnis. Es wird glaubhaft, daß das Wort Fleisch geworden ist und unter uns wohnt.

 



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