Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[119] IV. Wort für die Welt

 

[121] Spiritualität und Weltdienst

Der Mensch braucht eine Tiefe, in die er aus der Vielfalt alles dessen, was ihn bedrängt, beansprucht, fasziniert, einkehren kann, um sich zu finden, ja, um mehr zu finden als sich selbst. Anders gewendet: er braucht eine Spiritualität. Das Abhaken aller Nummern im Katalog seiner Pflichten, aber auch Ansprüche und Erwartungen ließe ihn orientierungslos, leer, allein.

Christentum kann sich aber nicht in Spiritualität erschöpfen. Wenn sie alles wäre, ja wenn die Transzendenz alles wäre, so bliebe paradoxerweise Christlichkeit ein bloßer Selbstbezug des Menschen. Gott und die Seele, dies ist gewiß einer der legitimen und unaufgebbaren Ansatzpunkte auch fürs Christsein. Aber das andere gehört unabdingbar hinzu: die Welt. Nur ein Christentum, das die Zuwendung zur Welt kennt, kennt Jesus Christus. Nur ein weltzugewandtes Christentum läßt Gott wahrhaft [122] Gott sein, macht ihn nicht nur zum Bezugspunkt des eigenen Ich.

Somit aber hat der Christ je die Spannung auszutragen, die durch die beiden Worte Spiritualität und Weltdienst signalisiert wird. Die Frage ist das Wie der Synthese, der spezifisch christlichen Synthese.

Das Wort, das im Anfang beim Vater war und in alle Ewigkeit im Vater bleibt, ist das Wort, durch das die Welt erschaffen wurde. Mehr noch: Es ist das Wort, das in die Welt hineingestiegen ist und sie nicht, in alle Ewigkeit nicht, hinter sich läßt, sondern sich in ihr Fleisch hineininkarniert, um sich liebend der Welt auszuliefern und liebend die Welt hineinzunehmen ins göttliche Leben. Dieses Wort, mit dem Vater eins im Heiligen Geist und aus dem Heiligen Geist Fleisch geworden aus Maria, der Jungfrau, dieses Wort, das seinen Geist uns schenkt, damit wir „Abba, Vater“, sagen und damit wir Zeugnis geben können für die Welt: es ist die Synthese von Spiritualität und Weltdienst. In dieser Synthese liegen Weltdienst und Spiritualität nicht wie zwei Stücke derselben Sache auseinander, gekittet durch unsere fromme Anstrengung, son- [123]dern beides greift ineinander über, eines treibt das andere aus sich hervor.

Fragen wir uns nun einmal, ob es so etwas wie eine Spiritualität des Weltdienstes gibt, ein Leben aus dem Geist, das als geistlich uns weltlich sein läßt, das aus dem Geist uns so an die Welt verweist, daß wir uns dienend verlieren, ohne aber den Geist zu verlieren.

 

Der Weltbezug des Menschen

Von was reden wir überhaupt, wenn wir von der Welt reden? Es geht hier nicht um einen philosophischen Weltbegriff, sondern darum, die Grunddimensionen ins Gedächtnis zu rufen, die dort im Spiel sind, wo wir eben von der Welt, unserer Aufgabe, unserem Leben in ihr sprechen.

 

Welt als Welt-Raum

Der erste Gedanke, die erste Vorstellung, die uns unterlaufen, wo das Wort Welt erklingt, heißen Raum. Ich kann in die Welt hinausgehen, in der [124] Welt kommt etwas auf mich zu, kommen andere auf mich zu. Welt ist jenes, in dem wir wohnen, zusammenwohnen mit den Dingen und mit den Menschen. Welt hat ein Oben und Unten, ein Rechts und Links, einen Boden und die Luft und das Firmament, das alles überspannt.

Menschen unterschiedlicher Zeiten haben den Raum der Welt unterschiedlich erfahren und gefaßt; die Nenner, auf welche die Grunderfahrungen des Raumes, der Welt als Raum, gebracht wurden, sind höchst vielfältig, und wir haben längst erkannt, welche naive Selbstüberschätzung es wäre, hier nur von einem Fortschritt zu sprechen. Die Weltbilder, Raum- und somit Weltanschauungen lösen einander ab. Aber vielleicht bleibt in solchem Wechsel eine unauffällige und doch menschlich höchst bedeutsame Konstante: Weltraum ist heimlich und unheimlich, Welt ist Heimat und Fremde.

Der Mensch richtet sich ein in der Welt, er etabliert seinen Anspruch und prägt ihr Angesicht, er verteilt die Welt und beherrscht sie – und indem er es tut, fühlt er sich wohl in ihr, geborgen in ihr, weiß er sich in seinem Eigenen, in dem, was ihn erst wahrhaft Mensch sein läßt.

[125] Und doch, diese selbe Welt setzt sich immer wieder gegen den Menschen durch als jenes, was mächtiger ist als er. Mächtiger zumindest in Gestalt einer je neuen Anfrage: Hat der Mensch seine Welt wirklich im Griff, ist sie nicht das Reservoir unabschließbarer Überraschungen, je neuer Mächte, die unversehens aufbrechen und den Menschen herausfordern, so daß er sich nie beruhigt seiner Weltbeherrschung freuen mag. Und wenn er es täte, wenn's ihm gelänge, die Welt nach seiner eigenen Pfeife tanzen zu lassen – gerade das wäre die absolut langweilige, somit aber erst recht unheimliche, nicht aber die bergende und beglückende Welt.

 

Welt als Zeit-Raum

Das Heimliche und Unheimliche an der Welt, ihre bergende Übersichtlichkeit und ihre je neu herausfordernde und bedrohende Andersartigkeit, Welt eben als Heimat und Fremde – dies verweist uns darauf, daß der Welt innerstes Geheimnis nicht der Raum ist, sondern die Zeit. Nur als Zeitraum ist die Welt dem Menschen gegeben, aber: gegeben und entzogen.

[126] Der Mensch erfährt seine Macht und Ohnmacht nirgendwo tiefer als in seiner Zeitlichkeit. Er muß Zeit planen, muß über das Jetzt hinausschauen in die Zukunft, kann sich einrichten auf das, was sie ihm bringt oder entzieht – doch daß diese Zukunft kommt, daß sie stattfindet, vermag er nicht. Er ist nur Herr der Zeit, indem er sich die Zeit geben läßt, Augenblick für Augenblick, in Rhythmus und Maß, die nicht er bestimmen kann, sondern die ihn bestimmen. Zeit läßt sich nicht festhalten, Zeit geht und kommt, und indem sie geht und kommt, geht und kommt der Mensch. Er kann alle Raffinessen der Vorsorge, der Erkundung und Bewältigung des Möglichen ausbilden, die Angewiesenheit auf den je entzogenen und nur von sich her kommenden nächsten Augenblick bleibt das unauslöschliche Stigma seiner Endlichkeit.

Gewiß, es gibt nicht nur viele Weltbilder als Bilder vom Weltraum, als Deutungen, Anschauungen der Welt in ihrer Geräumigkeit, sondern – wenn auch leiser, unauffälliger – ebenso viele Zeiterfahrungen, Zeitorientierungen in den Grammatiken der Menschheit und dem, was sie an menschlicher Grunderfahrung und Grund- [127]deutung des Seins anzeigen. Doch wie auch immer, die Herrschaft des Menschen über die Zeit, seine Übersicht über dies Jeweilige hinaus in Gedächtnis und Planung kontrastieren je dem anderen, noch Schwererwiegenden: der Ohnmacht gegenüber der Zeit, der Angewiesenheit auf die Zeit, auf ihre unverfügbare Gabe.

Zudem, Gabe ist auch Gericht. Zeit läßt sich nicht auslöschen. Jeder Augenblick, noch so flüchtig, trägt sein Einmal ein ins Für-Immer.

Die Weltgeschichte wird so zum Jakobskampf zwischen dem Menschen und dem Engel Zeit. Der Mensch ringt der Zeit je neu den nächsten Augenblick ab – doch daß dieser Augenblick sich abringen läßt, ist das je neu Wunderbare, Unselbstverständliche. Die Sehnsucht des Menschen läuft darauf hinaus, endlich einmal dort zu sein, wo der Vorrat an Zeit nicht versiegt, wo das Dann und Nachher nicht unter dem Verschluß einer unlösbaren Fraglichkeit gehalten wird. Er möchte die Quelle der Zeit, aus welcher je neu sein eigenes Leben springt, herüberholen ins Gelände seines eigenen Verfügens und Vermögens, seiner Sicherheit. Dies aber gelingt ihm nie.

 

[128] Die Botschaft von der Herrschaft Gottes

Gerade hier setzt das Neue der Botschaft ein, die Jesus bringt. Sie ist Botschaft, welche die Welt neu sehen, ja welche die Welt neu werden läßt: „Erfüllt ist die Zeit, nahe gekommen ist die Herrschaft Gottes. Kehret um und glaubt der Frohen Botschaft“ (Mk 1, 15). Es hat nun ein Ende mit jener Zeit, die wie ein unbekanntes Geschick den Menschen überrollt. Jener, der die Quelle der Zeit ist, öffnet sich selbst dem Menschen, sagt sich ihm zu, erschließt ihm die Zukunft ohne Grenzen. Es ist kein Zweifel, so haben die Jünger Jesus verstanden, und so wollte die Botschaft auch selbst verstanden werden. Sie ist Botschaft von einer Welt, die zum Bereich Gottes, zur offenen und grenzenlosen Kommunikation mit Gott und in Gott wird.

Aber die Botschaft vom Reich ist gerade nicht ein Märchen vom Schlaraffenland. Sie erfordert die Umkehr des Menschen. Nicht mehr in sich selbst, in seiner Angst und Berechnung, in seinem Verfügen und Mögen kann er den Schwerpunkt seines Daseins haben, nicht mehr von sich aus kann er Zukunft gestalten und planen. Er muß [129] sozusagen wegspringen von sich selbst, hinüberspringen in die Quelle, er muß mit Gott von Gott ausgehen, von ihm her denken, handeln und wollen. Nur wer sich ihm überläßt, nur wer ihn den Herrn sein läßt, erfährt die Freiheit des Gottesreiches. Es ist die Freiheit der Lilie und des Vogels, es ist die Freiheit dessen, der, weil er alles verläßt und nicht zuerst fragt, das Hundertfältige jetzt, wenn auch mit Verfolgung, und dann das ewige Leben erbt. Herrschaft Gottes, das heißt Gottes Zeit haben, aus und mit Gott seine eigene Zeit haben, Zukunft ohne Grenzen, Zukunft aber als reines Geschenk.

Herrschaft Gottes ist so für den, der sich öffnet, neue Welt, für den, der sich verschließt, Gericht. Dieses Gericht vollzieht sich fortwährend, wo Menschen mit der Botschaft konfrontiert werden, und endgültig, wo Mensch und Welt aus sich selbst in ihr Am-Ende-Sein geraten. Neue Welt, neue Schöpfung geschieht fortwährend, wo Menschen die neue Zeiterfahrung Jesu machen, der ganz aus dem Vater und seinem Willen lebt; neue Welt ist zugleich das je noch Ausstehende, Größere, die unbedingte Zukunft, auf welche alle endliche Zukunft zuläuft.

 

[130] Die paradoxe Vermittlung: das Kreuz

Zukunft ohne Grenzen, Kommunikation ohne Grenzen, die Totalität von Zeit und Raum: solches sind die Dimensionen der Herrschaft Gottes, seines Reiches. Und doch passiert das, was anscheinend im baren Widerspruch zu solcher Botschaft steht: Es passiert das Kreuz. Ja, Jesus gibt sich ganz in die Hände des Vaters, Jesus hat nur von ihm her seine Zukunft – aber der Vater nimmt ihn so schockierend beim Wort, daß diese Zukunft heißt: Nicht-mehr-Sein, Untergang, Zusammenbruch.

Der Nullpunkt der absoluten Erniedrigung und Entäußerung wird zum Ort, an dem sich die Botschaft vom Reich bewährt, an dem sie ihre neue radikale Wahrheit entbirgt. Herrschaft Gottes ist nicht eine Hilfsaktion des Allerhöchsten, damit der Mensch doch nur sich selbst findet; nein, an ihm, an ihm allein hängt alles. Und nur wenn der Mensch seine eigenen Ideen, wie es gehen soll und gehen kann, radikal verkauft, läßt er Gott die Freiheit, daß er die ganze, die neue Zukunft schenken kann. Das Kreuz ist nicht eine Krise, die um der besseren [131] Dramatik willen auf Ostern hin einzuplanen wäre. Das Kreuz ist der Ernstfall der Herrschaft Gottes, die eben Gott Gott und den Menschen Mensch, Geschöpf sein läßt.

Aber das Kreuz ist noch mehr. In ihm wird die Botschaft vom Reich Gottes als Botschaft von der Liebe sichtbar, von der Liebe, die Gott ist. Am Kreuz passiert mit Gott etwas. Es ist sein Sohn, den er hingibt für die Welt, den er dorthin schickt, wo sie ist, wo wir sind. Es gibt nun, nachdem der Sohn zum Fluch und zur Sünde geworden ist (vgl. 2 Kor 5, 21; Gal 3, 13), nachdem er in die Verlassenheit, ins Warum, in den Abgrund gestiegen ist, keine Position, keinen Ort in der Welt mehr, der nicht ausgefüllt wäre von Gott selbst, der nicht Ort wäre, an dem Gott seine Liebe gegenwärtig setzt, an dem Gott zu Gott sein antwortendes Ja spricht. Erst jetzt wird die Herrschaft Gottes wahrhaft universal.

Auch der Nullpunkt des Todes, der Schuld und der Einsamkeit, auch das zukunftslose Abreißen der Zeit: kurzum, alles wird einbegriffen in die Herrschaft Gottes, wird verwandelt in neue Zukunft. Vom Nullpunkt des Kreuzes aus [132] eröffnet sich der grenzenlose Raum der neuen Welt, die grenzenlose Zeit der absoluten Zukunft.

Eingehen in das Reich Gottes, eintreten in seine Herrschaft heißt aber eintreten in den Kontext dieser Liebe, in ihre Logik, in ihr Geschick. Am Kreuz ist das Wort der Liebe – und ein anderes Wort hat der Gott, der Liebe ist, nicht – in seine äußerste Konsequenz hineingesagt, es sagt sozusagen alles aus sich heraus, was in ihm drinnen ist. Und wer dieses Wort glaubend annimmt, der entdeckt darin das universale Wort der Welt, das Wort, das alle Dunkelheiten und Rätsel löst, ohne sie zu zerstören oder platt zu überblenden. Und er wird selbst zum Wort der Liebe, das je neu in der eigenen Situation sich hineinsagt in die Welt, sie neu deutet, ja neu schafft.

Christlicher Weltdienst ist mehr als das Wahren einzelner Ordnungsvorstellungen, Normen, Grundwerte. Dies alles gehört hinzu, aber christlicher Weltdienst wahrt nicht nur, er schafft die Welt; denn er ist Dienst aus dem Geist, der gerade im Tod Jesu frei geworden ist.

 

[133] Das Reich und der Geist

Das Kreuz ist nicht der einzige Schock, den die Jünger erlitten, die sich auf Jesus einließen und denen er und sein Vater alle Erwartungen und Maßstäbe durch die neue Realität der Herrschaft Gottes umkehrten. Der zweite und nicht minder umwerfende Schock ist der Geist.

Mit der Theologie der Apostelgeschichte gesprochen (vgl. Apg 1): Nachdem das Kreuz seine Klärung in Ostern fand, rechneten die Jünger damit, daß nunmehr das angesagte Reich sich offenbaren und durchsetzen werde: Wann wirst du in dieser Zeit das Reich Israel wieder aufrichten? Der Herr weist diese Frage zurück und legt den Finger auf etwas anderes: auf die Kraft aus der Höhe, die sie ausrüsten wird, damit sie Zeugen in Jerusalem und bis an die Enden der Erde sein können. Die unmittelbare Frucht des Kreuzes ist nicht das Reich, sondern der Geist.

Erst darin kommt die Herrschaft Gottes in ihr Äußerstes, daß nicht nur er alles tut, sondern daß er uns gibt, aus seinem Geist zu leben, daß er uns das Werk überträgt, das sein Sohn getan [134] hat – ja, wir werden noch größere Werke tun als er (vgl. Joh 14, 12).

Erst der Geist, jene innerste Ursprünglichkeit Gottes, die den Vater und den Sohn verbindet, vollendet die Logik der Herrschaft Gottes, will sagen: seiner sich entäußernden Liebe, die eben herrscht, indem sie sich gibt. Dieser Geist will inwendiger als unser Innerstes die Kraft sein, die in uns das Wort für die Welt Fleisch werden läßt, so daß es ganz und unverstellt Gottes Wort und zugleich unser Wort, Menschenwort ist.

 

Spiritualität christlichen Weltdienstes

Wo immer Christen sich einlassen auf die Welt – und dies dürfen sie sich nicht ersparen –, werden sie die Geschichte erfahren vom Kommen des Reiches durchs Kreuz und im Geist. Immer werden die Christen dort sein, wo die Sehnsucht des Menschen ist, die Sehnsucht, die Fremde zu überwinden in die Heimat, den Verfall der Zeit in die Zukunft ohne Grenzen. Christen werden aber kritisch sein gegen alle Verheißungen und Versuchungen, als ob es den [135] Menschen aus eigener Kraft gelingen könnte, die Welt zu vollenden und die Zukunft zu machen. Exodus, Auszug aus dem Selbstverfügen und Selberkönnen ins Geschehenlassen und Beschenktwerden, Umkehr aus der eigenen Mächtigkeit und Beliebigkeit in den konkreten Gehorsam gegen den Gott, der die Welt geschaffen hat, ist ihr Anteil.

In solchem Exodus und in solcher Umkehr geschieht aber das Zeugnis einer Freiheit, in welcher sich mehr von der Fülle der Welt, mehr von ihrer Köstlichkeit und Diesseitigkeit erschließt als dort, wo der Mensch sich und sein Diesseits absolut setzt.

Das Loslassen und Gehorchen, das Gewährenlassen und Sichbeschenkenlassen zeigen die Grundgestalt der Hoffnung, einer Hoffnung, die nicht schon „besitzt“, und der doch im Erhoffen das schon sich anfänglich schenkt, worauf die Hoffnung zielt. Es gibt kein endgültiges irdisches Paradies, keines ohne das Kreuz, ohne den Abschied und das Je-Weiter. Und doch fängt die Zukunft Gottes nicht erst morgen an. Christen lassen die Erde nicht als Tränental verkümmern, sondern bringen in sie das Hundertfache [136] ein, welches Gott jenen verheißen hat, schon jetzt, die sich aufs Evangelium einlassen (vgl. Mk 10, 30).

Zeichen der Hoffnung sind die Christen und setzen die Christen aber nur, weil sie und sofern sie Zeichen der Liebe sind. Der Liebe, die nicht recht haben will, die sich solidarisch macht mit allem Dunklen und Schweren, was es auf Erden gibt, ohne sich in die dumpfe Trauer einzugraben. Liebe nimmt alles an, aber indem sie zugleich alles verwandelt. Sie stiftet jenes, was von Anfang an das Werk des Geistes ist: die Gemeinschaft. Sie schafft neue Welt; denn sie läßt schon jetzt, in der je weitergehenden und zu Ende gehenden Zeit die grenzenlose Zeit Gottes im Füreinander und Miteinander Gegenwart werden. Und sie erschließt aus der Isolation, aus dem Null und Nicht der äußersten Aporie des Kreuzes für alle den offenen Raum der Begegnung und der Versöhnung.

So macht sie das Wort hörbar, in dem alles geschaffen und erlöst ist. Indem dieses Wort liebend von uns einander zugesagt wird, wird es hineingesagt in die Welt, Wort für die Welt, das ihr das Leben verheißt, ja schenkt.

 



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