Das Wort für uns


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Das Wort für uns
Vorwort
I. Das Wort an uns
Weihnachten: Das Wort wird Fleisch
Karfreitag: Das Wort wird Schweigen
Ostern: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen
Pfingsten: Er im Vater, wir in ihm, er in uns
II. Das Wort in uns
III. Frucht des Wortes
Beten können
Sterben können
Dienen können
IV. Wort für die Welt

 

[109] Dienen können

„Ein Dunkel ist hereingebrochen; denn die Christen haben diesen Ort, die Mitte, verlassen, an welchem Christus den Menschen geheilt hat. Daher widerstreitet der Mensch seinem Heil, dadurch daß er sich nicht zu bemessen weiß. Denn was nützt es, wenn er anderes bemessen kann, sich selbst aber nicht? Wenn er sich nämlich auch nur ein wenig mehr, als gut ist, erhebt, so wird es ihm zur Gefahr; so sagt schon der heilige Bernhard von Clairvaux: Wer durch die Tür eintritt und dabei seinen Kopf erhebt, der stößt an; wer sich aber beugt, nimmt keinen Schaden.“

 

[110] Orientierung am Kreuz

Dieser Text stammt aus einer Ansprache, die im Jahr 1273 von dem großen Franziskanertheologen Bonaventura gehalten wurde. Das Thema ist höchst sonderbar: Bonaventura spricht von Jesus Christus als der Mitte der Mathematik, wobei er unter Mathematik, mittelalterlich geprägt, die Geometrie, die Lehre vom Raum, versteht. Wenn wir seinen Gedankengang ein bißchen übersetzen dürfen: Der Mensch läuft Gefahr, äußerlich alles einteilen und messen zu können, aber innerlich keine Orientierung zu haben. Meßzahlen und Gesetzmäßigkeiten unterscheiden können nützt wenig, wenn nicht die Welt, wenn nicht alles mir zum Raum wird, in dem ich selber leben, maßnehmen, eben mich orientieren kann. Doch dazu braucht es einen festen Punkt, wie Bonaventura sagt. Und jener Punkt, von dem ich mich und alles zu bemessen vermag, ist der tiefste, der unterste, der sozusagen alles auffängt, in dem alles zusammenläuft wie in einem Rinnstein. In ihm sammelt sich alles, was sich nicht einordnen, nicht verstehen läßt, alles, was mich stößt und woran ich mich stoße. Was fällt, was [111] sinkt, wird dort aufgefangen, so daß dann der Raum wieder seine Klarheit, seine Begehbarkeit, seine Orientierung erhält. Doch dieser unterste Punkt der ganzen Welt, dieser Tiefpunkt des Lebensraums aller Menschen, aller Geschlechter, aller Geschichte, der doch die geheime Mitte ist, unsichtbar verborgen als der Bezugspunkt der ganzen Peripherie der Erdoberfläche: dieser unterste Punkt ist das Kreuz Christi.

Jesus hat sich auf den letzten Platz der Geschichte und der Menschheit gestellt. Er hat auf sich die Last aller Welt fallenlassen, und deswegen ist für uns der Raum wieder frei. Aber er ist für uns nur dann frei, wenn auch wir die Perspektive des Kreuzes zu unserer eigenen machen, wenn wir mit unserem eigenen Dasein, wenn wir mit unserem eigenen Leben uns an denselben Punkt begeben, an den Jesus hinabgestiegen ist, eben an den letzten Platz.

Von dieser befremdlichen und doch abgründig tiefen Überlegung des mittelalterlichen Heiligen fällt Licht auf das Wort Jesu, das er beim Gastmahl des Pharisäers spricht. Er beobachtet, wie die Leute sich an den obersten Plätzen drängen. Und da setzt er ein: „Du aber, [112] wenn du geladen bist, geh und setz dich an den letzten Platz. Kommt dann der Gastgeber, so wird er zu dir sprechen: Freund, rücke höher hinauf. Das wird dir zur Ehre gereichen vor allen Tischgenossen. Denn ein jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14, 11).

Jesus geht es nicht um Anstandsregeln, er will uns nicht einen Reich-Gottes-Knigge an die Hand liefern. Es geht ihm immer und überall um die Herrschaft Gottes, und es geht ihm darum, in seinem Wort uns dorthin zu bringen, wo dieses Reich, diese Herrschaft Gottes unser eigenes Dasein ergreifen kann. Und zugleich gibt Jesus Zeugnis von sich selbst, Zeugnis davon, wie in ihm das Reich Gottes angebrochen ist, wie er selber das inkarnierte Reich Gottes, das inkarnierte Wort von der Herrschaft Gottes ist.

Gott ist nicht ein ehrsüchtiger Herr, der von uns Übungen einer künstlichen Demut haben will, einer Unterwürfigkeit und Niedrigkeit, die sich in sich selber krümmt. Gott will sich selbst uns schenken, aber er kann es nur, wenn wir ihn Gott sein lassen. Und wenn er Gott ist, dann sind wir jene, die er aus dem Nichts geschaffen hat. [113] Wenn er zu Wort kommen soll, müssen wir Schweigen werden. Darum müssen wir uns an unseren Ausgangspunkt, in den Nullpunkt stellen, der unser wahrer Standort ist. Nur wenn wir vom Nullpunkt aus Gott etwas mit uns machen lassen, stehen wir ihm nicht im Wege.

Deswegen fängt die Predigt Jesu immer und überall damit an, unsere Selbstsicherheiten, unsere mitgebrachten Maßstäbe zu zerbrechen. Wo wir Voraussetzungen haben, wo wir uns an Vorurteile klammern, wo wir schon Bescheid wissen, wo wir etwas nicht hergeben wollen, wo wir ihm sagen: ich weiß doch, wer ich bin und wer der ist, da haben wir ihm bereits den Weg verbaut. Demut ist nichts anderes als Wahrheit. Wahrheit, daß Gott Gott ist und daß wir Geschöpfe sind, Geschöpfe aus dem Nichts. Und dabei ist es gerade unsere Köstlichkeit, aus dem Nichts geschaffen, aus dem Nichts aufgehoben und aufgelesen zu sein von Gott. Denn nur das Nichts ist leicht genug, nur das Nichts hat Raum genug, daß Gott alles mit uns machen, daß Gott uns mit allem, mit sich selbst erfüllen kann.

So tritt das Wort vom letzten Platz in eine Linie mit jenen anderen kostbaren Worten, die [114] immer wieder um dasselbe bei uns werben. Nur wenn wir werden wie die ganz Kleinen, können wir hineinkommen ins Gottesreich. Nur wenn wir arm sind im Geist, nur wenn wir bereit sind, als Arbeiter der elften Stunde einzutreten in den Weinberg, nur wenn wir uns verstehen als das hundertste Schaf, das sich verloren und verlaufen hat, nur dann kann er seine unbegrenzte, seine nicht nur auf unsere kleinkarierte Gerechtigkeit zugeschnittene Liebe uns schenken.

 

Der Platz der größten Liebe

Der letzte Platz ist der Platz unserer Wahrheit. Aber diese Wahrheit ist in keiner Weise bitter, in keiner Weise enttäuschend. Denn der letzte Platz ist zugleich der Platz der größten Liebe, die Gott zu uns hat. Er hat seinen eigenen Sohn, er hat sein Innerstes, das Zentrum seines Lebens, sein eigenes Wort, an unseren letzten Platz gestellt. Und gerade dort, wo er scheinbar nicht mehr erhört wurde, wo ihm nur noch der Kelch aus den Händen des Vaters zugemutet wurde, dort, wo er nicht mehr verstand und nur noch [115] Warum rief, dort, wo er nichts anderes mehr konnte als schreien und verstummen, dort, wo alles, was null und nichtig ist auf der Welt, zur Gestalt seines eigenen Daseins wurde, ist er der Anfang und die Orientierung der neuen Schöpfung, des neuen Lebens geworden, das uns in seiner Auferstehung begegnet.

Wenn Gott uns sagt: Stelle dich in deine Wahrheit, stelle dich auf den letzten Platz!, dann demütigt uns das nicht. Denn Gott sagt uns: Stell dich an den Platz der größten Liebe, stell dich dorthin, wo du am meisten geliebt bist und wo einer dich am meisten geliebt hat. Die neue Wahrheit ist die Wahrheit der Liebe, jener Liebe, die wir in unserer Armseligkeit von Gott in Jesus empfangen haben, und jener Liebe zugleich, die wir mit Jesus übernehmen können, gerade vom letzten Platz, vom Platz des absoluten Dienens aus. Der letzte Platz ist so kein passiver Platz, kein ohnmächtiger Platz, sondern Platz der höchsten Wirksamkeit, Platz der Gemeinschaft mit der Allmacht Gottes, welche Allmacht eben die Allmacht der Liebe ist. Wir sind wirklich freigegeben an uns selbst und frei über uns selbst hinaus, wenn wir uns zu unserer eigenen Armse- [116]ligkeit, zu unserer eigenen Ohnmacht ohne Vorbehalt stellen.

 

Sein Platz, unser Platz

Legen wir den Finger auf einige alltägliche, aber keineswegs unwichtige Konsequenzen.

Ein Erstes: Wir sollten uns frei machen davon, wie andere uns beurteilen. Es lohnt nicht, unglücklich zu sein, weil der andere mich verkennt, mich anders einstuft, als ich erwarte, mich an diesen Platz und nicht an jenen einordnet. Wir dürfen allem gegenüber gelassen sein. Nur auf das eine kommt es an: was Gott von mir denkt. Und Gott denkt schon, daß ich auf dem letzten Platz stehe – aber gerade darum bin ich ihm besonders nah; denn hier, an diesem letzten Platz, finde ich meinen Bruder Jesus. Einen tieferen Platz als er kann niemand haben.

Das Zweite: Lassen wir doch die ängstliche Überlegung, ob wir es richtig machen. Natürlich dürfen wir nicht in den Tag hineinleben, natürlich müssen wir unser Gewissen prüfen, und wir sollten es jeden Tag tun. Aber die nüchterne [117] Sorge, wo wir vor Gott stehen, ist doch etwas anderes als jenes Analysieren, das sich selbstgefällig oder selbstzerstörerisch immer nur über sich selber beugt und sich um sich selber dreht. Vergessen und verlernen wir vor lauter Standortbestimmung doch das Gehen nicht. Und vor Gott gehen können wir nur dann, wenn wir ihm die Hand hinstrecken, damit er uns führen, uns an seine Seite ziehen kann. Unsere Wahrheit ist in ihm geborgen, unser Nichts in ihm aufgehoben, und dieses Nichts braucht sich nicht selber zu kennen, sondern nur Platz zu haben für ihn.

Noch ein Drittes: Nicht verzweifeln, wo ich ohnmächtig bin. Die Situationen in der eigenen Familie, im eigenen inneren Leben, im eigenen Beruf, auch in der Kirche, die Situationen, in denen ich so viel investiert habe, so viel guten Willen, so viel Kraft, so viel Geduld, so viel Gespräche und immer neue Anläufe – und nun scheint alles aus, nun scheint alles umsonst, ich kann nicht mehr vorwärts und zurück: gerade diese Situationen sind letzter Platz, und als letzter Platz sind sie Gemeinschaft, Kommunion mit dem, der uns nicht durch seine Macht, sondern durch seine Ohnmacht erlöst hat.

[118] Es gibt nichts Mächtigeres als die bedingungslos dem Herrn in die Hand gegebene eigene Ohnmacht. Das meint nicht einen schlauen Trick, um sich über das eigene Unvermögen hinwegzutäuschen oder es doch noch als Erfolg buchen zu können, sondern es meint die wirkliche Auslieferung, die genauso ernst gemeint ist wie die Auslieferung des Gekreuzigten an den Vater. Es meint das wirkliche Hintreten an jenen Nullpunkt, an dem wir gar nichts mehr in der Hand haben, aber gerade darum hat er alles – vielleicht anders, als wir dachten, aber gerade darum eben alles – in der Hand.

Und ein Letztes: Gott will, daß wir seine Vorliebe für jene teilen, die auf dem letzten Platz stehen, für die anderen, von denen wir nichts erwarten können, die mir nichts nützen, mir keine Ehre einbringen, weil sie eben wirklich auf dem letzten Platz stehen. Sie sollen wir einladen, sie als unsere Brüder erkennen, sie sollen wir lieben; denn jeder von ihnen ist der geringste Bruder, in dem der Herr selbst mir begegnet. Nur so lerne ich jenes Tun, das, christlich gesprochen, die Welt gestaltet: den Dienst. Ich finde das Wort, das der Welt etwas, das der Welt alles zu sagen hat.

 



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