Das weite Land und das enge Tor


 

[180] Das weite Land und das enge Tor, das sind die beiden Pole in den Lesungen von heute. Auch wir dürfen wie Abraham vertrauen, daß das weite Land uns offensteht. Wir haben Zukunft. Aber wir dürfen auch die frohe Botschaft, die unbequeme frohe Botschaft vom engen Tor nicht übergehen. Und wenn wir uns danach fragen, was dies unmittelbar bedeutet, dann geht es schon um Heil oder Unheil, darum, uns und unser Leben zu gewinnen oder ins Verderben zu gehen. Das ist unbequem – und eigentlich ist es auch ungewohnt, davon zu sprechen. Aber wenn wir nicht davon sprechen, dann legen wir uns doch das Evangelium nach eigenen Wünschen zurecht. Ich weiß, wie dramatisch und wie verhängnisvoll es sein kann, auf dieses Bild vom engen Tor und vom schmalen Weg zu starren. Ich glaube, das ist ein Jugenderlebnis von Hermann Hesse: in seinem Elternhaus, einem evangelischen Pfarrhaus, hing dieses Bild an der Wand, und der Vater zeigt bei jeder Gelegenheit drohend darauf hin – ein Grund für den Jungen, sich von Glaube und Kirche weggedrängt zu fühlen. Auf dieses Bild starren, das beklemmt. Können wir nicht Gott zutrauen, daß seine Barmherzigkeit so phantasievoll und seine Liebe so kühn ist, daß er einfach Wege zur Rettung findet? Wir dürfen viel, über unsere Maße viel ihm und seinem Erbarmen zutrauen, aber wir dürfen nicht darüber verfügen. Ich lebe nicht aus der Heilsangst, und sie spielt bei mir persönlich keine große Rolle, aber als Horizont muß sie mit da sein. Das Leben läuft nicht automatisch gut. Das Heil ist nicht eine Selbstverständlichkeit, die uns nachgeworfen wird. Und dies keineswegs deshalb, weil Gott nicht so ganz offen lauter liebend uns wohlwollte, sondern, weil dieser Gott eben sich eingelassen hat auf das kühne Abenteuer einer endlichen Freiheit, einer Freiheit, die auf dem Spiel ihrer selbst steht, einer Freiheit, der er alles und das Ganze und sich selber schenken will. Aber dadurch ist sie eben ins Spiel gebracht und ist sie auch in äußerste Gefährdung gebracht. Das müssen wir sehen. Es geht bei alledem, wovon wir sprechen und was wir verkünden, was wir den Menschen bringen und anbieten, nicht nur um irgendeine Weise, besser, freundlicher oder offener zu leben. Es. geht um Heil oder Unheil. Diese letzte Alternative gehört zum Evangelium.

Noch einmal: Ich lebe nicht aus der Heilsangst, wohl aber kommt es mir bedenklich vor, zu sagen: Ich habe ein sicheres Auto, das auch dann, wenn [181] es irgendwo scheitert und auseinanderbricht, noch eine große, ja beinahe hundertprozentige Lebenschance für mich läßt; und deswegen ist es egal, wie ich fahre. Dazu bin ich nicht bereit. Es geht um das Ganze, es geht – um mich selbst und um alles – und darum verdient das Mühen um das Heil meinen ganzen Einsatz, meine ganze Leidenschaft, eben: den Mut zur Wanderschaft auf dem schmalen Weg in die offene, weite Landschaft Gottes hinein.

Es mag befremdlich erscheinen, von diesem Thema zu sprechen, wo hier doch die Jugend, ihr Lebensgefühl, ihre Erwartungen, ihre Zukunft und Hoffnungen unser Thema sind. Können wir mit diesem Motiv überhaupt arbeiten? Kommt es überhaupt an, wird es verstanden? Richten wir nicht eine Barriere auf, wenn wir die Sprache darauf bringen? Aber andererseits erleben wir es doch oft: Junge Menschen sind nicht durch dieses Bild behelligt und bedrückt, sie treffen ihre Lebensentscheidung nicht unter dem Vorzeichen der Frage: Verliere ich, wenn ich die tägliche Norm verfehle, etwa mein ewiges Heil? Da scheinen ihnen alle Wege offen zu stehen – aber sie führen nicht in ein weites Land, in einen offenen Horizont, in eine Zukunft, die sich lohnt. Auf den Wegen ihrer eigenen Wahl drohen sie zukunftslos und resigniert ins Ungewisse zu gehen, ohne befreiende Perspektive. Es wäre also eine falsche Alternative: Hier Pforte und schmaler Weg, die zur Angst führen – dort weites Tor und breiter Weg, die zur Freiheit führen.

Wie aber die schmale Pforte und den engen Weg finden, die in der Tat das weite Land, die Freiheit des Evangeliums erschließen?

In diesem Zusammenhang denke ich immer wieder an ein Bild, das der heilige Bonaventura im Rückgriff auf den heiligen Bernhard gebraucht. Er sagt: Jesus ist die Pforte, aber die enge, d. h. niedere Pforte, und wer seinen Kopf hoch reckt, der kommt nicht durch. Nur der humilis, nur jener, der sich beugt, kommt hindurch. Der andere scheitert. Die Humilitas, das Sich-beugen, darauf kommt es an (vgl. Hexaemeron I, 24). Ich denke, das ist zuerst einmal eine ernste und dann eine doch frohe Botschaft an uns. Wenn wir nicht auf uns vertrauen, wenn wir nicht auf unsere Ansprüche bauen, wenn wir nicht zuerst fragen, was wir uns in den Kopf gesetzt haben und was wir arrangieren, bewerkstelligen wollen, sondern wenn wir uns beugen unter den konkreten Willen Gottes für uns, dann kommen wir hindurch, wenn wir leben lernen damit, daß es einen konkreten Willen Gottes für uns gibt, im Augenblick.

Ich finde, wir machen es uns zu leicht, wenn wir rasch sagen: Woher sollen wir so genau wissen, was der liebe Gott will? Ja, oft wissen wir vielleicht nicht das Was des Willens Gottes, aber immer wissen wir das Wie, das heißt: leben, handeln, annehmen in Vertrauen und Liebe. Wenn ich in diesem Wie jeden Augenblick lebe, dann wächst meine humilitas – [182] und in ihr zugleich eine große innere Freiheit. Immer will Gott mein Vertrauen, immer will er meine Liebe. Und wenn ich da immer mit ihm will, in Vertrauen und Liebe, dann werde ich zugleich demütig und frei. Jene schmale Pforte, jenes niedere Tor, die durch solche humilitas des Vertrauens und Liebens hindurch passiert werden, sind nicht Beengung, sondern sie sind schon Weg der Freiheit. Und ich denke, daß gerade der junge Mensch, der immer und immer wieder von uns dieses erfährt: Vertrauen und Liebe, eigentlich frei wird, um aus Vertrauen und Liebe das Wort Gottes, das konkrete Wort Gottes in seinem Leben selber anzunehmen und zu leben.

Vertrauen und Liebe geben die humilitas.

Aber ich frage noch einmal und in anderer Dimension: Was ist dieses enge Tor, die schmale Pforte, durch die wir hindurchmüssen? Ich möchte sagen: Sie ist immer neu der je gegenwärtige Augenblick. Wann lebe ich? Jetzt. In diesem einen Jetzt mit Gott leben, mit seinem Wort leben, jetzt ihm Antwort geben, jetzt konkret auf ihn eingehen, das ist die schmale Pforte. Aber mit ihr, ja in ihr fängt das weite Land bereits an. Wenn ich im gegenwärtigen Augenblick lebe und antworte, dann habe ich nicht diese schalen und leeren Augenblicke, über die ich zwar beliebig verfügen kann, die aber doch nur leere Gefäße bleiben und die einer wie der andere sind. Wenn ich an einem Tag persönlich vergesse, mich in den gegenwärtigen Augenblick zu stellen und immer und immer wieder auf die innere Stimme zu hören: Gott, was willst du jetzt? Was ist jetzt die Antwort des Vertrauens, der Liebe? Was ist jetzt das Eingehen auf dein Wort?, dann wird dieser Tag eine unerträgliche Last; dann wird dieser Tag etwas Hohles, dann wird dieser Tag ein Wegbleiben von mir selber; dann wird dieser Tag mit furchtbar vielen Geschäften oder Nichtigkeiten zugedeckt. Wenn ich aber im je gegenwärtigen Augenblick lebe, wenn ich mich in das Nadelöhr des Jetzt hineinfädeln lasse von Gottes Wort, dann bin ich merkwürdigerweise schon auf diesem scheinbar engen Weg im freien Land.

Und ein drittes Mal möchte ich darauf zugehen: Was ist die schmale Pforte und was ist das enge Tor? Wir sagten: Liebe und Vertrauen, Leben aus Gottes Wort, Leben im je gegenwärtigen Augenblick. Sicher, aber doch auch der große und harte und fordernde Wille Gottes über meinem Leben. Doch auch die Stunde, in der er eine alles kostende Entscheidung von mir verlangt. Manchmal haben wir Angst, auch vor unseren persönlichen Lebensentscheidungen; manchmal tasten wir uns sozusagen in dieser Angst an der Wand entlang und haben dadurch gerade das Gefühl der Unfreiheit. Ich meine, wenn wir bei unserem Weg nicht auf den Rand schauen, sondern auf die Mitte, dann stoßen wir nirgends an, dann sind wir frei. Der Weg der Freiheit ist der Weg durch die Mitte. In der Mitte ist die schmale Pforte weit offen. Die Mitte aber ist Christus. Leben mit [183] ihm, ein Ja sagen, nicht nur soweit ich muß und soweit es nicht anders geht, sondern ein Ja von Herz zu Herz, ein Ja der Antwort im konkreten Leben mit ihm. Das ist Leben in der Freiheit des Evangeliums.

Mir scheint in der Tat, daß das ungelebte Leben, das zerrinnende Leben, das nichtige Leben, das mit bloß zufälligen Erfahrungen unterschiedlich tapezierte Leben ein bedrückendes Leben ist – zugleich breiter Weg und Horizontlosigkeit der Zukunft. Die schmale Pforte, das weite Land, sie liegen ineinander. Leben je im gegenwärtigen Augenblick aus Gottes Wort mit Vertrauen und Liebe, im persönlichen Antworten an Jesus Christus: das ist ebenso Weg durch die schmale Pforte und Weg bereits im offenen und freien Land in jener verheißenen Zukunft Gottes, die schon begonnen hat. So sind radikale Treue und radikale Freiheit von innen her nichts Verschiedenes.

Meine lieben Schwestern und Brüder, wir dürfen dieses Bild ein letztes Mal anwenden und übertragen. Es darf uns auch sagen, daß wir als Orden Zukunft haben. Ja, ich glaube, daß wir Zukunft haben. Ich glaube, daß es weitergeht. Ich glaube, daß viele auf uns warten, die irgendwo ein Leben in der Alternative des Evangeliums, der Freiheit des Evangeliums suchen. Wir aber müssen leben, besser: dürfen leben mit der Präzision dessen, der jeden Augenblick aus seiner Berufung lebt. Es gibt keinen Augenblick, in dem wir Ferien hätten von unserer Berufung. Und wenn wir in der Mitte unserer Berufung, ja im Augenblick leben, dann erwacht oder wächst eine viel größere Genauigkeit und Klarheit der Treue, als wenn wir bloß Legalisten sind. Wir werden so das Ganze und das Kleine und das Einzelne je im Augenblick zu leben vermögen als Ausdruck der Freiheit. Auch unsere Zukunft hat dann schon begonnen, wenn wir jetzt ganz in unserer Berufung leben. Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, fangen wir an, leben wir jetzt; in der engen Pforte, auf dem schmalen Weg liegt das offene Land bereits jetzt vor uns.

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