Das Beten der Kirche


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Das Beten der Kirche
1. Anfragen und Schwierigkeiten
2. Eine tiefer liegende Not
3. Der christologische Ansatz der Antwort
4. Beten der Kirche, Beten mit der Kirche

 

4. Beten der Kirche, Beten mit der Kirche

Die Konsequenz scheint klar zu sein: Wir haben als Kirche die Einheit in Raum und Zeit hinein zu entfalten, die in Je-[24]sus Christus begonnen hat. Der Epheserbrief selbst gibt Hinweise darauf. Etwa die Einheit zwischen Juden und Griechen. Etwa die Überwindung der gesellschaftlichen Positionen von Mann und Frau als herrschend und untergeben in der Verwandlung solcher Positionen durch die Liebe. Etwa die Überwindung der getrennten Welten, in denen Freie und Sklaven, ältere und jüngere Generation leben (vgl. Eph 5, 21-6, 9).

Gewiß, das ist unsere Aufgabe, Aufgabe der Kirche. Wir dürfen uns dieser Aufgabe nicht entziehen, sie nicht durch liturgische Feierlichkeit oder spirituelle Unverbindlichkeit ersetzen. Und doch – beim Bemühen, den Auftrag der Kirche, das Vermächtnis Jesu ins Werk zu setzen, geraten wir genau in jene Erfahrung der getrennten Welten hinein, bei der wir ansetzten. Unser Tun, unser Gestalten, unser Mühen brauchen einen tieferen Grund.

Was hat Jesus am Kreuz getan? Er hat sich aus der Situation unserer Gottesferne dem Vater hingegeben, er hat aus der Abgründigkeit unseres Nein zum Vater sein, unser Ja gesagt. Bildhaft gesprochen: die Dissonanzen und Konsonanzen der Menschen zu Gott und zueinander sind zusammengefaßt in seinem Ja, sind verwandelt zum einen Gebet, das er im Namen der Menschheit dem Vater darbringt. Hier, in diesem Gebet des Sohnes zum Vater, das Jesus in unserer Sprache und unserer Sprachlosigkeit zugleich formuliert, ist die Scheidewand niedergerissen, ist der Anfang der einen Menschheit, ist die Mitte und Achse des Lebens der Kirche.

Was Jesus ein für allemal dem Vater gesagt hat, das soll die Kirche mitsprechen, mitbeten von allen Orten und aus allen Zeiten her.

Indem die Kirche sich mit Jesus Christus im Gebet verbindet, vollbringt sie ihr Wesen, vollbringt sie das, was sie schon ist – und schöpft so die Kraft, damit sie werden kann, was sie sein soll und noch nicht ist.

Sicher, in der Eucharistie geschieht die innigste Verbin-[25]dung der Kirche mit ihrem Ursprung und Sinn. Hier geht sie ganz ein in das, was Jesus Christus selber für sie und für die Menschheit tut. Aber was in der Eucharistie geschieht, soll sich nicht nur umsetzen ins Werk, sondern auch ins Gebet der Kirche: in jenen beständigen Prozeß der Verwandlung aller Erfahrungen, aller Situationen, aller Worte der Menschheit ins Wort an Gott (vgl. Eph 5, 19f).

Dieses eine Gebet der Kirche mittun, in ihm die anfängliche Einheit der Menschheit mittun, in ihm uns selbst dorthin begeben, wo der Riß zwischen Welt und Kirche und eigenem Ich geheilt ist, das heißt Beten der Kirche und Beten mit der Kirche.

 



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