Die Bewegung der Focolarini und die Priester


Beitragsseiten
Die Bewegung der Focolarini und die Priester
1. Die Bewegung der Focolarini – Entstehung und Grundzüge
2. Das Ideal der Einheit und die Priester
3. Die Berufung zur Einheit und die vielen Berufungen
4. Mariapoli
5. Weltpriester und Focolare

 

 

[175] 1. Die Bewegung der Focolarini – Entstehung und Grundzüge

Als im Jahr 1943 die Stadt Trient von heftigen Bombenangriffen heimgesucht wurde, machten einige Mädchen, versammelt um eine junge Philosophiestudentin namens Chiara Lubich, die Erfahrung der Hinfälligkeit aller irdischen Güter, Werte und Maßstäbe. Gott allein bleibt! Dies ging ihnen mit elementarer Wucht auf. Sie richteten ihr Leben nach dieser Erkenntnis und lösten sich nicht nur von allem unnötigen Besitz, sondern auch von aller Sorge um früher und später, um ganz im Augenblick dazusein. Was war, ist in Gottes Händen, was sein wird, weiß er allein, aber jetzt gilt es bedingungslos, sofort und mit Freude seinen Willen zu tun. Sie suchten und fanden diesen Willen vornehmlich im Wort des Evangeliums, in der Heiligen Schrift. Und so nahmen sie dieses Wort buchstäblich und setzten es ins tägliche Leben um.

Die Verheißung Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen!“ (Mt 18, 20), wurde zum Leitspruch ihrer Gemeinschaft. Was sie verband, war nicht mehr menschliche Sympathie oder rationelle Erwägung, sondern das Bemühen, all ihr Wünschen, Wollen und Tun in jenes Einssein zusammenzufügen, an das Jesus seine Gegenwart gebunden hatte. Nicht sie wollten denken und handeln, Jesus als ihre Mitte sollte in allem maßgebend sein. In der Verwirklichung seines Vermächtnisses „daß alle eins seien!“ (Joh 17, 21) sahen sie den letztlich allein gültigen Beweis für Christus vor der Welt, entsprechend dem Wort: „Ich in ihnen und Du in mir, damit sie zur Einheit vollendet seien, auf daß die Welt erkenne, daß Du mich gesandt hast“ (Joh 17, 23). Als das innere Wesen dieses Einsseins und somit des Christseins über-[176]haupt eröffnete sich ihnen das neue Gebot: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe“ (Joh 13, 34). In jedem Menschen begegnete ihnen also Christus selbst, der sagte: „Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Das so verstandene und befolgte Evangelium wurde ihnen zur Botschaft vom mystischen Leib Christi. Sein Geheimnis als selbstlos dienende Glieder zu leben, erkannten sie als ihre besondere Berufung.

Den Schlüssel zu diesem Leben in der Einheit, das beständig den eigenen Wünschen, Sympathien und Plänen abzusterben verlangt, fanden sie in der Verlassenheit Jesu am Kreuz. Er machte sich so leer von sich selbst, daß er nicht einmal mehr die Gegenwart des Vaters als tröstendes Licht in seiner Seele erfuhr. Aber gerade hier, in dem Aufschrei „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27, 46), vollendet er die Hingabe an den Vater für uns: „Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46). In dieser letzten und höchsten Gestalt seiner Liebe ist alles, was wir an Schuld, Verlassenheit, Angst und Leid in uns oder unserem Nächsten erfahren können, eingeschlossen und dem Vater überantwortet. Sich in der Liebe mit seiner Verlassenheit vereinen, um den eigenen Schmerz in ihr zu bejahen, heißt eintreten in die Einheit mit Gott selbst und somit zugleich offen werden für jene Einheit mit den Brüdern, die sich nicht in äußerer Zuneigung und Laune erschöpft.

Ohne jede äußere Werbung wuchs die Schar der Mädchen, deren Leben sich aus der Kraft solcher Spiritualität von Grund auf änderte. Die Einheit, die sie miteinander hielten, verstanden sie von Anfang an auch als Einheit mit der kirchlichen Hierarchie. Der Erzbischof von Trient wurde ihnen väterlicher Freund. Nach einiger Zeit schlossen sich auch junge Männer an. Die Gemeinschaften, in denen diese jungen Männer oder Mädchen – getrennt – ihr gemeinsames Leben im Geist der evangelischen Räte führen, dabei jedoch ihrem Beruf in der Welt weiterhin nachgehen, wurden „Focolari“ (Focolare = Herdfeuer, Herdgemeinschaft) genannt. Auch Familien wurden ergriffen und innerlich umgewandelt. Außer den eigentlichen Focolarini suchen in Gemeinschaft mit ihnen Männer und Frauen der verschiedensten Stände und auch Kinder mitten in der Welt den Geist der Einheit ihrem Milieu und ihrer Aufgabe gemäß zur Darstellung [177] zu bringen. Sie bilden die „Bewegung“ um den Kern der Focolari. Heute ist ihr Ideal auf der ganzen Welt und in allen sozialen Schichten bekannt und verbreitet.

Dieser Ruf zur Einheit traf alsbald auch Priester und Ordensleute. Darunter fanden sich viele aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang. Die nur oberflächliche und aus der Angst geborene Einheit der sogenannten freien Welt und auch vieler Christen im Westen hatte sie enttäuscht. Sie erblickten daher in dem neuen Geist des alten Evangeliums, dem Geist der Einheit in der Liebe Christi, die einzige Antwort auf die übermächtige Einheit des Bösen, die sich im Kommunismus manifestiert.

 



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