„Ausstellung Gottes“



Zu Mariapoli und der Bewegung der Fokolarini

Die Weltausstellung in Brüssel mit der reichen Fülle dessen, was dort aus Kultur und Technik vieler Völker zu sehen war, habe ihr einen mächtigen Eindruck hinterlassen. So berichtet Chiara Lubich, die am Beginn der Bewegung der Focolarini steht. Aber eines sei nicht ausgestellt gewesen: Gott. Gewiß, man habe in der Kapelle des vatikanischen Pavillons immer Menschen zum sakramental verhüllten Herrn beten sehen, aber er war doch nur jenen zugänglich, die schon glaubten. Und da sei es ihr aufgegangen, was die Mariapoli 1958 werden sollte: Esposizione di Dio, Ausstellung, Aussetzung Gottes.

Es scheint ein vermessener Gedanke, wenn man auf das blickt, was, äußerlich gesehen, die Mariapoli 1958 wirklich war: einige Häuser im Dolomitendorf Fiera di Primiero, die für Juli und August wie in den Vorjahren von der Bewegung der Focolarini gemietet waren zur Aufnahme der Menschen, die zu vielen Hunderten aus allen Ländern kamen, um dort dem Leben der Focolarini zu begegnen und an ihm teilzunehmen. Doch schließlich brauchte es für die erste „Ausstellung Gottes“ in dieser Welt auch nicht mehr als eine Jungfrau und eine Krippe. Und in der Tat, die Mariapoli 1958 wurde - man kann wohl sagen für jeden, der nicht vorschnell weiterging - eine „Ausstellung Gottes“. Denn sie war eine Verwirklichung jener Einheit, von der es im hohepriesterlichen Gebet heißt, daß an ihr die Welt erkenne, daß Jesus vom Vater gesandt ist (Joh 17, 21).

Ist das Erleben solcher Einheit indessen nicht etwas nur Gefühlsmäßiges, das aus dem Zusammensein der vielen wächst, und wenn man wieder in die Nüchternheit seines Berufes und seiner Sorgen entlassen ist, bleibt nichts als einer der oft gemachten guten Vorsätze in Sachen christlicher Nächstenliebe? Doch man konnte kaum wieder weggehen aus der Mariapoli ohne das Bewußtsein, einer Botschaft begegnet zu sein, die nichts „Neues“, die keine andere ist als die des Evangeliums, nur daß sie einen hier auf neue und unentziehbare Weise betraf. Das Wesen der Bewegung läßt sich nicht anders verstehen als so, wie eine der ersten es einmal gesagt hat: „Wir versuchen das Geheimnis des mystischen Leibes zu leben.“

Erschütternde innere und äußere Umbrüche des letzten Weltkrieges führten 1943 in Trient eine Gruppe junger Mädchen zur Erkenntnis der Hinfälligkeit aller irdischen Güter und Werte. Ihr Entschluß, Gott allein gehören zu wollen, gründete die Gemeinsamkeit ihres Lebens, in welchem sie versuchten, das Evangelium buchstäblich zu nehmen und deshalb, daseiend für Gott, ebenso ganz und gar ungeteilt dazusein für die Brüder und Schwestern. „Es fiel uns nicht leicht, so aus dem Evangelium zu leben, da wir ja nicht viel von der Heiligen Schrift verstanden“, erzählte eine von ihnen. Aber in der Einfachheit des Kindseins vor Gott ließ er sie immer klarer sein Wort erkennen. Es ging ihnen auf, daß so, wie in jeder Partikel der heiligen Hostie Christus ganz gegenwärtig ist, auch die ganze Wahrheit des Evangeliums in jedem seiner Worte gegenwärtig werden kann, wenn man es nur bis auf den Grund lebt. Die beste Erklärung des Evangeliums aber war ihnen der Gekreuzigte, der ihnen mit dem Warum seiner Verlassenheit die Antwort auf jedes Warum gab. Die Partikel, in der diese Mädchen - und bald nach und mit ihnen junge männliche Laien - die Wahrheit des Evangeliums vor allem ergriffen, ist jenes Jesuswort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18, 20). Sind wir so zueinander und miteinander, daß Jesus in unserer Mitte sein kann? Dies ist die Frage, die man sich immer und überall stellen muß, wenn man in den Geist dieser Bewegung – und zugleich in den des Evangeliums – zu kommen versucht.

Kein Schwärmertum

Vielleicht legt sich die Befürchtung nahe, aus solcher Haltung könne ein enthusiastisches Schwärmertum erwachsen. Doch der innere Grund der hier gelebten Einheit liegt im nüchternen Ja zur Selbstentäußerung, zum Kreuz. Die Einheit, um die es hier geht, ist von diesen Menschen so radikal und umfassend verstanden, daß es nichts Katholischeres geben kann als sie. Immer und von Anfang an begriffen sie das Einssein miteinander auch als unablöslich vom Einssein mit der kirchlichen Autorität, von der Jesus sagt: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10, 16). Als Bedenken von seiten der kirchlichen Obrigkeit gegen die junge Bewegung aufkamen, wurden sie gerade dadurch zerstreut, daß ihre Glieder mit innerer Selbstverständlichkeit bereit waren, auf der Stelle auseinanderzugehen, wenn dies der Wille der Kirche sei. „Was Christus will, kann auf die Dauer seine Braut, die Kirche, nicht nichtwollen, und was sie nicht will, will auch er nicht“, meinten sie und legten alles bedingungslos in die Hände der Kirche.

Diese Einheit hütet sich zugleich vor verengender Ausschließlichkeit. Gewiß wird die Bewegung von jenen getragen, die „alles verlassen“ (vgl. Mt 19, 27) und in die Gemeinschaft eines „Focolare“ (man könnte übersetzen: Herdgemeinschaft) eintreten, um dort die Einheit exemplarisch zu leben und ihren Geist auszustrahlen. Solche Focolare bestehen bereits in größerer Zahl, vor allem innerhalb, aber auch außerhalb Italiens. Es sind Gemeinschaften, in denen bis zu sieben Mädchen oder junge Männer zusammenleben, sowie Verheiratete, die in ihrer Familie wie Focolarini leben. Diese drei Zweige, in einer einzigen Familie zusammengeschlossen, haben jeweils einen geistlichen Assistenten. Alle gehen ihrem Beruf in der Welt nach und tragen dorthin den Geist der Einheit. Um diese Focolare wächst eine Bewegung aus Menschen aller Stände, die ihr Leben unter dieses selbe Wollen stellen. Auch nimmt die Zahl der Priester und Ordensleute ständig zu, die, in ihren Stellungen oder in ihren Gemeinschaften verbleibend, Einheit in diesem Geiste suchen. Es ist das Ziel der Focolarini, überall in der Kirche, in allen Ordensgemeinschaften, Gruppen, Bewegungen und in jedem Bereich des Lebens, in den Familien und in der Gesellschaft jenes Einssein zu verwirklichen, dem Christus seine Gegenwart verheißen hat. Aus dieser Einheit, die den Herrn in der Mitte hält, soll sodann die Liebe wachsen, die ihn auch in jenen sucht, die draußen stehen, in jedem Menschen. Wo Schuld oder Schicksal die Züge des Herrn im Antlitz dessen verdeckt, der doch sein Bruder sein soll, bedarf es doppelter Liebe, um sie freizulegen. Es geht nicht darum, etwas Neues in der Kirche zu sein, sondern darum, in neuer Lebendigkeit Kirche zu sein.

Wie aber kommt es zu dieser Einheit?

Was den Menschen vereinzelt, sind vor allem seine Schuld und sein Leid. Sie isolieren ihn von Gott und vom menschlichen Du. Und da begegnet er im Glauben dem gekreuzigten Herrn. In seiner letzten Verlassenheit am Kreuz ist jede menschliche Schuld und jeder menschliche Schmerz eingeschlossen, überwunden und in die Hände des Vaters bereits hineingelegt. Wo einen dieses betrifft, da ist er schon aus seiner Selbstverfangenheit gelöst, im innersten Grunde seines Herzens hat er den Weg in die Freude der Erlösten offen. Und er wird etwas weiteres entdecken: nicht nur seine eigene Schuld und sein eigener Schmerz sind gegenwärtig und erlöst in der Verlassenheit des Herrn, sondern Schuld und Leid aller Menschen. Jesus hat sich aller Menschen angenommen. Im Licht seiner Liebe sehen wir uns alle als Brüder und Schwestern und als Kinder seines himmlischen Vaters. Was jeden isoliert, wird in Christus zu dem, was alle verbindet: sie werden zu einer Einheit im Herrn, und es gilt nur diese Einheit zu ergreifen, um in eine Offenheit zu jedem Nächsten zu finden, die nicht mehr in der äußeren Sympathie gründet. Man erkennt sich als Glied am Leib Christi, das nicht mehr nur sich gehört, das nicht mehr bloß eine persönliche Vollkommenheit verfolgen und erringen kann, sondern das einfach und bedingungslos sich dem Leben des Herrn zu überlassen hat, das durch alle Glieder strömen will. Der persönliche Weg dazu ist ein Leerwerden von allem Nur-selber-tun- und Nur-selber-sein-Wollen, und letztlich eine Teilnahme am Geheimnis der äußersten Verlassenheit Jesu am Kreuz. Die ganz konkrete und schlichte Gestalt dieses Eingehens in die Einheit ist im Blick auf Gott der Entschluß, seinen Willen immer, immer sofort und immer mit Freuden anzunehmen, und im Blick auf den Bruder zunächst einmal das wirkliche Hören auf den anderen, das ihn annimmt, so wie er ist. Wo man gegenseitig in solche Offenheit gelangt, hat Christus in der Mitte aller Gemeinsamkeit die Möglichkeit, sich der Menschen als seiner Werkzeuge zu bedienen.

Dies ist die geistliche Realität, mit der die Focolarini ihren Alltag verwandeln und mit der sie Sommer für Sommer in Fiera di Primiero aus der Schar der vielen Gäste – es sind auch jeweils eine Anzahl Nichtkatholiken dabei – die „Mariapoli“, die Stadt Mariens, formen. Stadt Mariens: denn wie Maria die Mutter Christi wurde, indem sie den Willen Gottes selbstlos hörend annahm, so steht sie auch am Anfang des Wachstums seines mystischen Leibes: sie war dabei, als der Heilige Geist im Pfingststurm die Einheit der Apostel zur Kirche erwirkte, und sie ist überall dort dabei, wo aus dem Hören auf den Willen Gottes lebendige Wirklichkeit des mystischen Leibes wird, wo aus der Einheit der Glaubenden der Herr in ihre Mitte und, wie aus dem Schoß Mariens, aus ihrer Mitte in die Welt tritt. Es kommt darauf an, Maria nicht nur zu verehren, sondern ihr Geheimnis im eigenen Leben zu verwirklichen.

Wie erlebt man die Mariapoli, die als solche „Ausstellung Gottes“ ist? Es ließe sich vieles und Erstaunliches über das Leben dort erzählen. Aber das, worauf es ankommt, ist im Grunde nur eines: jeder wird aufgenommen wie Christus selbst, und er wird dadurch mit fast unentziehbarer Macht dazu gedrängt, aus aller Reserve herauszutreten und selbst zum Bruder so zu sein und zu handeln wie zu Christus. Gemeinsamer Gottesdienst, Bekehrungen, Begegnungen und Gespräche, die man nicht mehr vergißt, Welt- und Ordenspriester und Professoren, die der Exhorte eines Mädchens zuhören, Einheit der Nationen, der Stände und der Orden, Einheit der Liebe auch zwischen denen, die noch nicht zur Einheit in der Wahrheit des Glaubens gefunden haben, und darüber eine unbezwingliche, lösende Freude, dies ist die Frucht oder das Gewand dieses Geistes. Und bei alledem eine zarte Behutsamkeit, die stete Mahnung zum stillen und geduldigen Wachsenlassen dieses Geistes dort, wo man steht und wirkt, wenn man wieder zurückkehrt aus der Mariapoli. In all dieser Freiheit wird der einzelne dennoch unerbittlich vor Gott gestellt, um ihm alles zu geben, was er ihm geben kann.

Doch die Fleischwerdung des Wortes ist radikal ernstgenommen: es genügt nicht, die Idee zu bejahen und subjektiv, privat zu leben. Solches gelingt gar nicht gegen den Widerstand der Alltäglichkeit ohne den bleibenden Kontakt mit denen, die sich schon zu solchem Leben in der Einheit entschlossen haben. Eine Hilfe zu diesem Verbundenbleiben bietet die Zeitschrift der Bewegung, „Città Nuova“, die auszugsweise bereits in mehrere Sprachen übersetzt wird; die deutsche Ausgabe trägt den Namen „Die Neue Stadt“.

Solcher Geist dürfte doch wohl der Geist sein, den die Welt heute braucht und der ihr den Weg ins Heil zu weisen vermag. In aller Stille ist schon vieles gewachsen: in den meisten Ländern des südlichen und westlichen Europa und nun auch in Deutschland breiten sich Gedanke und Wirklichkeit dieser gelebten Einheit aus. Sie schlägt ihre Wurzeln bereits in Übersee. Papst Pius XII. schickte der Bewegung noch wenige Tage vor seinem Tod seinen besonderen Segen. Auch Papst Johannes XXIII. schenkte ihr seit Jahren sein Wohlwollen. Der als „Speckpater“ bekannte Pater Werenfried van Straaten erklärte auf dem Kongreß „Kirche in Not“ in Königstein, alle seine Liebeswerke seien noch nicht aus dem rechten Geiste geschehen, erst in Mariapoli habe er die echte Liebe gefunden.

Eine Liebe eben, die nichts anderes zu sein versucht als die gekreuzigte Liebe des Herrn, die jedem und allen gehört, als die Liebe, die der Welt den Gott zeigt, ausstellt und aussetzt, der die Liebe ist.

 

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