Von der geistlichen Fruchtbarkeit




Im Neuen Testament ist wiederholt die Rede von der Frucht. Das bloß äußere Bekenntnis und die bloß innerliche Erkenntnis zeigen nicht auf gültige Weise an, daß der Geist Gottes am Werk ist. Wo er wirklich waltet, da weckt er das Herz des Menschen zum Einsatz, zum Vollbringen des göttlichen Willens (davon sprach das heutige Evangelium). Die Frucht allein bezeugt den Geist (vgl. Gal 5, 22). Nur dort gedeiht und wächst sie, wo der Same des Gotteswortes den guten Boden unseres bereiten Herzens findet (vgl. Luk 8, 15).

Daneben läuft eine Reihe andersgerichteter Aussagen: Nicht wir sind es, die das Entscheidende tun, es ist die Gnade des wählenden, frei berufenden Gottes, sein überraschendes Geschenk (vgl. z. B. Röm. 9, 16). In zwei Gleichnissen treten sich beide Sichtweisen besonders scharf gegenüber. Das Gleichnis von den Talenten verurteilt jenen, der die Gnade in die Passivität bloßen Konservierens hinein vergräbt (Mt 25, 14-28). Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) stellt die in der letzten Stunde Berufenen denen gleich, die des Tages Last und Hitze getragen haben.

Der Widerspruch ist nur scheinbar. Überall ist es die Gabe von oben, die den Anfang macht, und überall wird sie der Freiheit des Menschen anvertraut. Diese aber erschöpft sich nicht in einem abstrakten Ja oder Nein, sondern stellt den ganzen Menschen in die lebendige Begegnung mit dem unverfüglichen Beginnen Gottes. Paulus ist davon durchdrungen, der Letzte zu sein, alles der Gnade zu verdanken; doch zugleich weiß er, daß die Gnade in ihm nicht „leer“, nicht unfruchtbar geblieben ist (1 Kor 15, 9-10). Jesus selbst sagt beides in einem Spruch: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch bestimmt, daß ihr hingehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe“ (Joh 15, 16).

Gott macht also den Anfang. Und wir sollen mit diesem seinem Anfang sodann selbst etwas anfangen, aus unserem Eigenen heraus, mit unserer Kraft. Das erscheint wie ein Drama in zwei säuberlich getrennten Akten. Erst kommt Gott an die Reihe, dann kommen wir. Am Schluß freilich sind wir wieder verpflichtet zu sagen, daß nicht wir es waren, sondern daß Gott es getan hat. Und im Grunde schielen wir doch auf unser Verdienst. Die Zuschreibung unseres Guten an Gott ist oft nicht ganz ehrlich. Gewiß, ohne Gott konnte es nicht geschehen, seine Initiative, sein Anruf waren notwendig. Aber dann haben wir uns auf uns selbst zurückgezogen, haben unsere Weisheit, unsere Fähigkeiten zur Hand genommen, sie dazugetan, und so ist etwas „herausgekommen“. - Ist das die Frucht, die Jesus meint?

Frucht und Erfolg sind nicht dasselbe. Frucht läßt sich nicht herstellen, nicht machen. Frucht wächst und reift. Der Same ist nicht schon die Frucht. Um in ihr sich auszuwirken, gibt er sich dem Boden, verbirgt sich in ihn. Und der Boden ist einfach da, nimmt auf, stellt sich und seine das Wachstum fördernden Kräfte dem Samenkorn zur Verfügung, verwandelt sich ihm an, verbirgt wiederum sich ins Gewächs hinein. Indem beide sich ineinander verbergen, der Same in das Erdreich, das Erdreich in die Pflanze, wächst die Frucht. Gottes Gnade verbirgt sich in uns, und wir verbergen uns in ihn.

Es bleibt das Ungeheuerliche: Gottes Anfang senkt sich uns, unserem Eigensten und Innersten ein, mit uns selbst haben wir das Geschick seiner Gabe zu vollbringen. Und wir dürfen nichts von dem, was an Kraft und Klugheit uns gegeben ist, aus dem Spiele lassen, um ihr zu dienen. Dennoch ist unser Einsatz alles andere eher als eine äußere Hinzufügung, als ein Selbermachen. Es ist der einfältige Hinblick auf ihn, das stete Hören auf seinen Anruf, das jeden Augenblick bereite Eingehen auf seine Anregung. All das Unsere halten wir gesammelt, gegenwärtig, aber wir lassen es ihm, verbergen es in ihn, auf daß, in uns und dem Unseren, wahrhaft er es sei, der handelt. Nur dann können wir mit der Gnade etwas „anfangen“, wenn wir sie mit uns etwas anfangen lassen.

Unser Eigenstes und Innerstes ist aufgerufen, verfügbar zu sein für das Beginnen Gottes. Erschöpft sich dieses Eigenste und Innerste in unserem Können, Wissen und Vermögen? Oder ist es nicht vielmehr jene Armut des Herzens, in der wir nichts mehr können und vermögen, in der wir, von uns selber her, nichts sind? Hier erst wird jene Schicht im Erdreich unseres Wesens erreicht, die bereit ist, die Wurzel eines Gewächses zu halten, das nicht uns verherrlicht, sondern Gott. Hier erst kommt jenes Eigenste zum Vorschein, das wir dem Handeln Gottes hinzufügen können, ohne es zu verfälschen. Therese von Lisieux sagt einmal, sie wolle gerne eine Null sein, um sich der einzigen Eins, Jesus, zuzugesellen. Allerdings komme es darauf an, die Null nicht vor, sondern hinter die Eins zu setzen. Uns aushalten, indem wir Gottes Anspruch aushalten, unsere Armseligkeit ertragen, indem wir sein Antlitz ertragen, dies ist jene Geduld, der hundertfältige Frucht verheißen ward.

Ein anderes und doch verwandtes Bild von der Frucht: der Weinstock und die Reben (Joh 15, 1-8). Wir sind die Rebzweige an Jesus, mit der erschauern machenden Würde, seine Frucht, die Frucht Jesu zu bringen. Nur an den Zweigen hat der Weinstock Frucht. Die an Jesus glauben, sind berufen zu Werken, die noch größer sind als die seinen (Joh 14, 12), zum Werk jener Liebe, durch welche die Welt erst zum Glauben an den gelangt, der mit seiner Liebe sie erlöst hat. Doch wie bringen die Zweige Frucht? Indem sie im Rebstock bleiben, verwachsen mit ihm, sich nährend aus ihm, hineingewendet in ihn.

Frucht und Liebe haben in den Abschiedsreden Jesu Entscheidendes miteinander zu tun. Frucht bietet sich dar, Frucht gibt weiter und teilt mit. Von der Frucht können andere leben. Und eben dies ist die Frucht, die Jesus von uns erwartet als seine Frucht: die anderen sollen, die Welt soll durch uns von ihm leben können. Deshalb gilt es nicht, unsere Weisheit und Kunst zu entfalten, sondern mit und in ihr - und manchmal vielleicht ohne sie - Jesus liebend weiterzureichen. Dazu aber müssen wir ganz in ihn hineinwachsen, leer von uns, ihn in uns hineinnehmen.

Noch etwas will die Nähe von Frucht und Liebe in den Worten Jesu uns sagen. Die Liebe, von der er spricht, ist zumal die Bruderliebe, die Liebe, die wir zueinander haben. In ihr will er der Welt offenbar werden. Denn erst darin gewinnt die Auslieferung unserer eigenen Armseligkeit an ihn Wirklichkeit und Fruchtbarkeit: daß es uns nicht mehr darauf ankommt, selbst und allein und besser als die anderen etwas fertigzubringen. Es heißt das eine und gemeinsame Leben des Weinstocks ernst nehmen, das durch alle Rebzweige kreist, um in allen die eine und gemeinsame Fruchtbarkeit zu wirken. Jeden Augenblick in seiner Liebe und der Liebe zueinander bleiben, immer neu uns ausliefern an ihren Ruf, ihre Fülle und unsere Armut zugleich vollbringen - dann wächst die Frucht, die ganz die seine ist und gerade deshalb auch ganz die unsere.

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