Zum Fest der heiligen Maria Magdalena




Liebe Schwestern und Brüder!

Ich glaube, es ist von großer Bedeutung, daß es nicht nur den Dienst Johannes des Täufers gibt, der Jesus verkündet – voraus- verkündet –, sondern auch den Dienst Mariens, in der das Wort Fleisch wird. Und daß es – parallel dazu – nicht nur den Dienst der Apostel gibt, die hinausziehen, um aller Welt glaubhaft zu sagen: Er ist wahrhaft auferstanden!, sondern auch den Dienst jener Frau, die es zuerst den Aposteln ins Ohr sagt, was sie von Ihm, dem Lebenden, erfahren hat.

Nicht nur der offizielle Dienst, nicht nur der Dienst der Sendung, nicht nur der Dienst des hierarchischen Apostolates und seiner Fortsetzung im Priestertum, sondern jener stille Dienst des Zeugnisses, das aus der lebendigen Erfahrung wächst, ist entscheidend für die Kirche. Und ich meine, es ist ein Geschenk an die Kirche, daß gerade in diesem Dienst der Frau der erste Platz zukommt. Daß die Frau es ist, die in der Unmittelbarkeit ihres Herzens, in der Treue ihres Fühlens, in der Stille ihres Daseins, in der Leidenschaft ihrer Sehnsucht aushält und dabei diese leibhaftige Erfahrung des Herrn macht – jene fundamentale Erfahrung Mariens, jene Erfahrung des Schoßes, der sich öffnet für den Heiligen Geist, so daß darin das Wort eben Fleisch annimmt – und jene stille und doch ebenso leibhaftige Erfahrung des Ausharrens am Grab, über alles Sinnvolle hinaus, über alles Berechnende hinaus, einfach des Da-Bleibens und Wachens am Grab, um so eben jene lebendige und leibhaftige Erfahrung zu machen: Er ist da, Er spricht mich an, Er sagt, daß Er lebt.

Ich glaube, daß nirgendwo anders so sehr wie gerade hier der Frau ihre Würde und ihre Berufung gezeigt ist. Diese Berufung, die nicht eine niedrigere, nicht eine zweitrangige ist, sondern die als jene schöne Leidenschaft des suchenden Herzens, jene Leidenschaft, sich selber ganz hinzuhalten, geistig sich hinzuhalten als der Schoß für das Wort Gottes sich manifestiert. Jene Erfahrung der Treue, jene Erfahrung der Unbestechlichkeit durch das bloß Äußere, jene Erfahrung, die einfach durchhält und durchträgt, um so gerade den lebendigen Herrn bezeugen zu können.

Ich glaube, daß diese Erfahrung heute wichtiger ist denn je – in einer Welt, die nur funktioniert, in einer Welt, die nur rational ist, in einer Welt, die nur nach Kompetenz ruft und fragt –, diese lebendige Unmittelbarkeit einer Liebe, die sich selbst ganz und ungeteilt ihm öffnet und zur Verfügung steht. Dies ist das gleiche Bild bei Maria und bei Maria Magdalena. Sie sollen uns zeigen, daß der Mensch mehr ist als das, was er macht, ausrichtet und organisiert. Sie sollen uns zeigen, daß der Mensch – so wie er ist – wie sein Herz ist, das er in Leidenschaft öffnet und das er in Treue durchträgt und offen hält.

Und bei beiden ist es merkwürdig, bei Maria, die die Verkündigung vom Engel hört und das Wort in ihren Schoß nimmt und bei Maria Magdalena, der der Auferstandene erscheint: Beiden wird ein Weg auferlegt. Maria geht hin zu Elisabeth, bezeugt und kündet ihr das Leben, das in ihr gewachsen ist, in ihrem stillen Dienst. Und Maria Magdalena hört das Wort des Heilandes: Geh hin und sag es meinen Brüdern!

Und so möchte ich Sie bitten, Sie, die Frauen, und Sie, jene, die ausharren beim Herrn in der meditativen und betenden Stille dieses Klosters, aber auch Sie, die leben in einer Familie, leben in der Alltäglichkeit dieser Welt als Frau:

Sagen Sie uns, sagen Sie auch den Aposteln, daß Er lebt! Diese Erfahrung, daß Er lebt, ist Ihnen anvertraut, und Sie sollen uns diese Erfahrung schenken!

Das wäre eigentlich der Auftrag von Maria und Maria Magdalena an uns.

Amen.

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