Pontifikalrequiem für Heinrich Köppler



In Trauer und Zuversicht versammelte Brüder und Schwestern!

Es war in der Tat eine Stunde, in der wir es nicht vermutet haben Aber ich weiß es, wir wissen es: Heinrich Köppler war wach. Nach dem Herzinfarkt hat er gesagt: „So ist es gut, wie Gott es fügt.“ Er war ein treuer Knecht. Und zum treuen Knecht gehört beides: Es gehört dazu, daß wir im Innern uns sorgen, auf daß alles geht und läuft, auch wenn der Herr lange nicht kommt. Aber zugleich müssen wir das Ohr nach außen halten in jener Bereitschaft, die weiß: Nicht was wir bauen, können und erreichen, ist das letzte; alles, was wir hier einrichten, ist für den, der kommt, und er kann kommen und darf kommen, wann er will. Ja, es ist notwendig, daß wir diese Haltung haben, die nüchtern und standhaft genug ist, um hier und jetzt Ordnung, Klarheit, Ruhe, Frieden, Gemeinschaft zu stiften, daß wir uns bei allem Machen aber nicht in das Machbare verlieren, als ob wir es in der Hand hätten, sondern eben unser Herz in dieser Wachsamkeit halten, die über das Zeitliche hinausschaut. Bloßes Sichverlieren in ein Jenseits, das einmal kommt, um so die Welt zu vergessen, das ist nicht christlich. Bloß sich in der Welt einrichten und das verbrämen mit ein paar christlichen Prinzipien, das ist wiederum nicht christlich. Der Christ ist der Knecht, der für die Menschen um ihn herum sorgt und der zugleich alles offenhält für den Herrn. Der Christ ist einer, der an dieser Stadt hier unten baut und darauf schaut, daß die Fundamente und die Wege und die Tore und die Verbindungen und das Leben stimmen. Er ist aber auch einer, der weiß, daß letztlich die Stadt gilt und trägt, die von oben herniedersteigt. Aufbauen und herniedersteigen, selber tun und warten, das gehört zusammen.

Und nun ist Heinrich Köppler durch die offenen Tore in jene Stadt hineingegangen, die niedersteigt. Die heilige Therese von Lisieux hat einmal ein Wort über diese Neue Stadt gesagt, die vom Himmel steigt und die schon jetzt hienieden anfängt: „Wir werden in dieser Stadt keinem gleichgültigen Blick begegnen; denn wir werden erkennen, daß wir alle das Entscheidende einander verdanken.“ Ich meine, wenn wir nun Heinrich Köppler in unserer Dankbarkeit hineinbegleiten in diesen seinen entscheidenden Lebensschritt, der jetzt ist, dann ist es unsere Aufgabe und unsere noble Pflicht, schon jetzt das anzunehmen und ernstzunehmen, was wir ihm für immer und auch dort zu danken haben. Ich möchte es sehr bescheiden tun, indem ich sage, was ich selber ihm zu danken habe. Doch ich meine, daß diese Erfahrung sicher von vielen, von Menschen in ganz unterschiedlicher Position geteilt werden kann.

Ich habe Heinrich Köppler ein Sechsfaches zu danken. Ich habe von ihm gelernt, was Jungsein, was Jugend bedeutet. Er hat in jener Epoche die Weichen seines Lebens gestellt, in der wir alle von einer wahnsinnigen Erfahrung der Unmenschlichkeit beladen waren. Er hat seine Hoffnung nicht brechen lassen. Sondern er hat den Mut gehabt, jung zu bleiben, ja Jugend zu rufen, zu formieren, zu bilden, der Jugend ein Ideal zu geben: Es ist nicht alles aus, Zukunft hat doch Sinn. Wir müssen den Aufbau wagen. Wir müssen uns festmachen in Zielen, die tragen. Wir müssen eine Vision dessen haben, was gilt, und müssen uns dann aber hier einbringen im Schmutz und im Niedrigen, im Einfachen und im Armseligen, um auf dieses große Ziel zu Schritt um Schritt zu tun. Jugend, die Aufbau sucht und nicht Abbau, das war seine Erfahrung. Jugend, die nicht selbstmitleidig Schlußstation ihres eigenen Lebens und ihrer Entwicklung ist, sondern Jugend, die den Mut hat; morgen erwachsen zu sein, Jugend, die aufbaut und sich in den Dienst hineinstellt. Dies ist seine Leidenschaft geblieben. Er ist ein Mensch geblieben, dem dieses Fanal und dieses Ideal der Jugend vorleuchteten und der immer wieder dafür eintrat. Sicher wir können die Verhältnisse nach dem Krieg nicht kopieren, nicht festschreiben, nicht einfach fortführen, aber ich glaube, es ist Zeit, daß wir Jugend in dieser Perspektive neu verstehen und von ihm neu lernen, was Jungsein heißt.

Ich habe als Zweites von Heinrich Köppler gelernt, was das Selbstbewußtsein eines katholischen Laien ist. Er hat die Verantwortung für diese Welt aus christlichem Geist selber in die Hand genommen. Und gerade weil er dieses Selbstbewußtsein hatte für die eigene, die freie Initiative des Laien, für das, was nachher das II. Vatikanische Konzil als die relative Selbständigkeit und Autonomie der weltlichen Sachbereiche bezeichnet hat, gerade deswegen war er von einer wunderbaren Unbefangenheit auch gegenüber all dem, was mit Worten wie Hierarchie und Amt in der Kirche bezeichnet wird. Weil er wußte, daß es des Laien ist, an dieser Gesellschaft zu bauen und zeichenhaft in ihr bereits die Stadt zu realisieren, die herniedersteigen soll, deswegen war er selbständig und war er unbefangen offen und kooperativ zugleich. Dieses unverkrampfte Verhältnis der Gemeinschaft, des Miteinanders von Laien und von Priestern in der Kirche, das ist so wichtig für eine Welt, die weder bloß im Laizistischen noch im Klerikalistischen untergehen darf, sondern die die ganze Fülle des Christlichen braucht. Der lange, große und nicht genug zu dankende Dienst, den hier in vielfacher Funktion und in steter Leidenschaft des Herzens Heinrich Köppler geleistet hat, gehört darum unbedingt hinein in den Dank an sein Leben.

Ich habe etwas Drittes von Heinrich Köppler gelernt. Ich habe gelernt, was Maß, was Ausgleich, was Balance heißt. Nicht im Sinn eines taktischen Kompromisses, sondern in jener Gleichzeitigkeit einer Leidenschaft für das Ideale und Notwendige und einer Nüchternheit für das Mögliche und Fällige. Die ganze Leidenschaft für das, was sein soll, und die ganze Nüchternheit für das, was geht. Das Sicheinbringen in eine klare Gestaltung nach selber erkannten Prinzipien und daraus die noble Freiheit, auch das Recht des anderen zu sehen und zu wahren; die Gelassenheit, die nie in idealistischer Überanstrengung und nie im Backen zu kleiner Brötchen aus banalem und falschem Realismus mündete; die innere Weite, die Gleichgewicht wahrte und dadurch Frieden stiftete; dies fiel an Heinrich Köppler auf. Man wußte, woran man bei ihm ist, und man konnte sich doch als der, der man selber ist, ihm anvertrauen. Wie wichtig ist dieses Maß, das das Ganze und das Große kennt und den Mut hat zum Kleinen und zum Möglichen.

Ich habe von Heinrich Köppler aber nicht nur dieses maßvolle Maß nach innen gelernt, sondern auch das maßlose Maß der Weite, des Verstehens und des Menschlichen, das die ganze Welt, das die ganze Menschheit umfaßt. Wenn man mit ihm in langen Sitzungen abends zusammen war und die Tagesordnung war erschöpft, dann fing es eigentlich an, daß das aus seinem Herzen herauskam, um was es ihm ging: Übrigens, die letzte Reise, wo ich in einem Land war, in irgendeinem Teil der Welt, der nicht frei ist, da habe ich mit diesem Bischof gesprochen, und da habe ich es so und so gesehen, und da müssen wir doch schauen, was wir machen können, die dürfen wir nicht vergessen. Oder wenn man sich mit der Katholischen Aktion Österreichs traf und am Abend irgendwo beim Heurigen saß, dann erzählte er, was da geworden ist in diesem und jenem Land, wie er das im Herzen trug, wie das alles sein Leben war. Das ist er: diese Weite, dieses Wissen, ich bin nur ich, wenn ich das Ganze in meinem Herzen trage, wenn ich meine Arme und mein Herz ausweite fürs Ganze des Menschen und fürs Ganze der Menschheit.

Ich habe – und das sage ich mit besonderer Scheu und Ehrfurcht aus meinem Stand des Priesters und Bischofs – von Heinrich Köppler eine tiefe, leise und kostbare Sicht dessen gelernt, was christliche Ehe heißt. Er hat nicht jenem Idyll einer glücklichen Ehe angehangen, in der man viel Zeit füreinander hat und in der nach außen hin alles wunderbar läuft. Er ist an die Grenzen der Belastbarkeit gestoßen, ja über sie hinausgegangen. Aber er hatte die Bereitschaft, und nicht er allein hatte sie: der Mensch, der zu ihm gehört, seine Frau hatte mit ihm die Bereitschaft, daß man einander dient und miteinander dient. Glück bestand für sie darin, daß man im Ja zum Ungewöhnlichen des Auftrags und des Maßes einander dient und miteinander dient. Ich glaube, das ist ungeheuerlich wichtig, und es ist nicht die unbedeutendste Lehre, die ich aus seinem Leben mitnehme und weitergebe. Und deshalb soll gesagt werden, daß in dieser Stunde in den Dank noch jemand hinzugehört.

Schließlich habe ich von ihm gelernt, und das sage ich wiederum als Priester und Bischof, was Frömmigkeit heißt. Er hat nicht fromme Reden geführt, er war meist still und diskret. Er hat verschwiegen getan, was Glaube ist. Aber wo irgendwo etwas berührt wurde von dem, was die Substanz des Glaubens angeht, da war er mit einer Selbstverständlichkeit auf dem Plan, daß man spürte, aus welchen Quellen er innerlich lebte. Deswegen konnte er auch vor seinem Tod sagen: „Es ist gut, wie Gott es fügt.“ Alles tun und alles einem anderen überlassen: das ist jene Frömmigkeit, die wir brauchen, jene Frömmigkeit des fleischgewordenen Wortes, jene Frömmigkeit, die sich selber verschweigt und gerade aus diesem Verschweigen auch den Mut zum ungewöhnlichen Zeugnis, zum ungewöhnlichen Vertrauen hat.

Ja, ich danke Heinrich Köppler, weil ich diese kostbaren Erfahrungen dessen von ihm empfangen durfte, was Jungsein, was Laiesein, was Maß und Gleichgewicht, was menschliche und menschheitliche Weite, was Ehe und was Frömmigkeit heißt. Und ich glaube, dies ist ein Erbe und ein Vermächtnis, das uns fähig macht, an seiner Stelle und in seinen Fußstapfen Knechte zu sein, die sorgen nach innen und wachen nach außen.

Liebe Brüder und Schwestern, ich bin vor wenigen Tagen am Sarg eines anderen Freundes gestanden, der nach dem Krieg Italien mitaufgebaut hat mit de Gasperi und vielen anderen Politikern und der viele tiefe Gedanken zu dieser Aufgabe geäußert hat. Er hat seinen Dienst an der Politik in einem sehr einfachen Wort zusammengefaßt. Es heißt: „Es geht mir um zwei Dinge, um den Vater im Himmel und um das Brot auf der Erde.“ Wer den Vater im Himmel im Herzen trägt, wer ihn in seinem Blick hält, der wird sich zugleich nüchtern und leidenschaftlich für das Brot auf der Erde sorgen. Die letzten Werte und die nüchterne Sorge hier, das gehört zusammen. Offen sein für den Vater, wann er ruft, und dienen, damit die anderen das Brot haben. Heinrich Köppler ist zum Vater im Himmel gegangen. Von dorther wird er auch fortan besorgt sein um unser Brot, damit wir hier unten leben können und damit uns nicht die Kraft ausgeht auf dem Weg nach oben, zum ewigen Leben.

Amen.

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