Das Heilige und das Denken


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Das Heilige und das Denken
I. Was heißt philosophische Phänomenologie des Heiligen?
II. Zugang des Heiligen 1. Zweiheit und Einheit des Zugangs
2. Das Auseinander von Denken und Heiligem
3. Das mögliche Zueinander von Denken und Heiligem
4. Der Weg des Zueinander: vom fassenden zum lassenden Denken
5. Das wirkliche Zueinander: Denken als sich überfragende Anfrage
6. Die Erhellung des Zueinander: verdankendes Denken
7. Die neue Eindeutigkeit des verdankenden Denkens
8. Die Umkehr von Daß, Was und Warum im verdankenden Denken
9. Überblick des Zugangs
III. Aufgang des Heiligen 1. Aufgang ins Andenken
2. Der neue Sinn von Gegenwart
3. Aufgang des Heiligen als Zeitigung
4. Eucharistische Struktur der neuen Zeitlichkeit
IV. Der Unterschied des Heiligen 1. Das Heilige und das Sein
2. Das Heilige und die Transzendentalien
3. Das Heilige und das Heil
 
4. Eucharistische Struktur der neuen Zeitlichkeit

Den Aufgang des Heiligen, sein Sich-Zeigen im Denken entfalten heißt die Zeitlichkeit des Denkens, heißt Denken als Andenken seiner eigenen Zeitigung entfalten, mehr noch: andenkend (so aber gerade nicht konstruierend oder reproduzierend) diese seine eigene Zeitigung vollziehen. Und sie vollziehen heißt: aus ihrem dem denkenden Zugriff entzogenen Geschehensein her das Denken verhoffend sich mit sich selbst und darin mit dem Heiligen und darin mit allem beschenken lassen. Dies wiederum heißt: das Denken sich selbst dem Heiligen verdanken lassen und in diesem Verdanken eine neue, gewährte, währende, aber nie ins Fertige abzuschließende Gegenwart gewahren.

Der gedenkende Rückblick auf die Züge, welche solche neue Zeitlichkeit dem ihrer achtenden Denken enthüllte, gestattet es, sie – in einer den Charakter des Verdankens bewußt anschärfenden Analogie – „eucharistische“ Zeitlichkeit zu nennen, Denken so als die „Eucharistie“ des Aufganges des Heiligen zu verstehen.

[60] Indem das Denken innewird: Hier ist etwas geschehen, es ist auf einmal alles anders! begeht es in seiner Gegenwart die Gegenwart des seinen Gang ins Verdanken umwendenden Augenblicks, die gedenkend gewahrte Gegenwart des Augenblicks ist seine Gegenwart. In diesem dem Gewahren zuvorkommenden, sich ihm gewährenden Augenblick ist es indessen nicht allein von etwas angeblickt, das ihm auf seinem Weg des Denkens begegnet ist, sondern darin von dem, was diesen Weg allererst in Gang, was ihn also dahin brachte, Weg und Denken, Denken als Weg zu sein. Die Ankunft dieses den Weg des Denkens konstituierenden Ereignisses, seiner sich ihm zudenkenden, nie vom Nachdenken einzuholenden Zeitigung wandelt den Weg des Denkens, macht ihn als solchen sich gegenwärtig. Sie macht in ihm zugleich die sich und ihn gewährende und in solcher Gewähr jeweils nochmals verborgene Huld der freien Anfänglichkeit gegenwärtig, der das Denken sich verdankt, das unberührbar berührende Geheimnis, kraft dessen das Denken denken darf und soll. Und schließlich macht diese Ankunft des heiligen Geheimnisses im Andenken alles, was auf dem Weg des Denkens begegnet, alles, was ist, neu gegenwärtig: als Geschenk des Geheimnisses, als Zeichen seines von diesem Zeichen ebenso bedeuteten wie es überschreitenden, in ihm gegenwärtigen wie es überwaltendem, sich selbst schenkenden Schenkens.

Indem der Augenblick der Anfänglichkeit sich ins gedenkende Denken hinein wiederholt und bei ihm ankommt, hört aber der Weg des Denkens gerade nicht auf, Weg zu sein, er geht kraft seines Beschenktseins verhoffend weiter. Der Aufgang des heiligen Geheimnisses ist seine eigene Verheißung, seine eigene, durchs Denken nie abzulösende Künftigkeit. Die Gemeinschaft des Denkens mit dem unerdenklichen Geheimnis ist Gegenwart: Gegenwart von seiten des Geheimnisses, weil dieses sich dem Denken zugedacht und sein Zudenken selbst ihm ins Offene zugedacht und darin sich als das Bleibende, im Bleiben aber seine Künftigkeit ihm zugedacht hat; Gegenwart von seiten des Denkens, weil dieses gedenkend sein gegenwärtiges Geschehen dem ihm Entzogenen [61] einräumt und zuwendet, bezeugend und verkündend es in seine Gegenwart vollbringt. Solches Bezeugen und Verkünden aber unterscheidet sich vom Feststellen und Behaupten dadurch, daß nicht das Denken das Verkündete vermag und bemächtigt und es somit ins bloße Gewesensein wegdrängt, sondern daß umgekehrt das Bezeugte und Verkündete selbst das Denken übermächtigt, sein gegenwärtiges Geschehen über sich hinaus ins unabsehbar Künftige hinein überholt. Das Verkündete ist mächtiger als das bezeugende Verkünden, ihm voraus und über es hinaus und so gerade, aus seinem Zuvorsein und seiner Künftigkeit, in ihm gegenwärtig.

Das verdankende Denken verkündet solchermaßen das heilige Geheimnis, ist seine Gegenwart und damit Gegenwart des ihm Entzogenen, es Übertreffenden – nicht auf die Weise beschwörender, also bemächtigender Magie, sondern im Wahren der Entzogenheit, im Übermächtigtsein von seinem Zuvorkommen und so zugleich im Verhoffen seiner unerschöpften Künftigkeit.

Indem das Denken sich überfragend sich losläßt, ist es „Opfer“, Weggabe verfügend vermochter Gegenwart und ihrer Zeitlichkeit. In diesem „Opfer“ begibt sich ihm die Zuwendung der neuen Zeitlichkeit, der es umwendende Augenblick beschenkt es mit der anfänglich es zeitigenden Gewähr, bringt es in die Gemeinschaft mit ihr. Die Gemeinschaft mit dem in ihr ebenso offenen wie je ausständigen Geheimnis seiner Anfänglichkeit zeitigt zugleich die horizontal neue Zeitlichkeit, in welcher das Denken des Augenblicks je gewärtig das, was ist, nicht mehr als überblickbaren Bestand, sondern als Raum des Gespräches, des Gemeint- und Gerufenseins, der Antwort und Verantwortung erfährt; Denken spielt im Zu- und Andenken, wird selbst Gemeinschaft, Mitdenken, „Mahl“.

Denken als Eucharistie des Aufganges des Heiligen ist Voraussetzung fürs Verständnis der christlichen Eucharistie, Voraussetzung aber, aus der, gemäß der hier wie dort waltenden Zeitlichkeit, die Folge gerade nicht abgeleitet werden kann.

 
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